Interkulturelle Philosophie ist heikler als man (bisher) denkt!
Erwera Glaut
In diesem Aufsatz wird stufenweise sichtbar gemacht, dass Interkulturelle Philosophie im Umgang mit dem Anderen und sich selbst auf eine Reihe viel zu wenig beachteter Schwierigkeiten trifft. Die bisherigen Ansätze bedürfen daher einer weiteren pragmatischen Vertiefung und philosophischen Überarbeitung.
Das Weltsystem und der Ethnozentrismus
"How can we study other cultures and peoples from a libertarian
or non-repressive and non-manipulative perspective?"
(Said)
Wir besitzen eigentlich, genau genommen, keine Begriffe, die so "neutral" wären, dass sie für die Beschreibung aller Sozialgefüge, von der EU bis zu einem Eingeborenenstamm am Amazonas, für die evolutionslogischen Positionen, die Bewertung der religiösen, kulturellen, politischen, sozialen oder sprachlichen Gegebenheiten angemessen wären. Wir haben alle irgendwie durch die Gesellschaft, in der wir leben, gefärbte Brillen mit einem bestimmten Schliff und sehen Menschen und Systeme einer anderen Färbung nur durch die Färbung und den Schliff unserer Brillen. Wir nähern uns dem Problem stufenweise.
Sozialsystem1
Beschreibungen sozialer Systeme folgen selbst im Wissenschaftsbetrieb einer Evolutionslogik im Sinne der oben dargestellten Evolutionsgesetze. Die Einzelwissenschaft im Stadium 1 in der Autorität anderer Faktoren gebunden (II. HLA, 1), befreit sich aus der Autorität dieser anderen gesellschaftlicher Faktoren (z. B. der Religion) und erarbeitet sich ihre Selbständigkeit. Im nächsten Schritt erreicht sie in sich innere Differenzierung, wobei die einzelnen Unterschulen mit ihren partikularen Positionen sich bekämpfen und ausschließen (II. HLA, 2). Im nächsten Stadium bilden sich integrative Ansätze, welche Unterschulen miteinander verbinden (II. HLA, 3), was aber immer noch zu unbefriedigenden Ergebnissen führt. Im letzten Schritt könnten sich die Schulen in der (Or-Om)-Wissenschaft erneuern und synthetisieren sowie mit allen anderen Wissenschaften vereinen.
Unser folgender Ansatz zur Beschreibung eines Nationalstaates des Zentrums gehört wohl am ehesten in die Phase II. HLA, 3. Funktionalistische und konflikttheoretisch-dialektische (marxistische) und postmoderne Positionen ergeben etwa das folgende Faktorenmodell des Staates, welches nur für hochindustrialisierte Länder Anwendung finden kann und selbst einem bestimmten Punkte der Wissenschaftsentwicklung entspricht. In diesem System "gehen die Uhren nach einem bestimmten, durch die Komplexität und die vielfältigen Abstimmungsprozesse geprägten internen Rhythmus und folgen bestimmten Funktionalgesetzen". In anderen Systemen "gehen die Uhren völlig anders".
Westlicher Nationalstaat – Begriffsmodell
Das Modell der umseitigen Figur 2 ist gleichsam eine Synthese aller in der Gesellschaft selbst über die Gesellschaft vorhandenen Theorien.[1] Vor allem ist es eine praxisbezogene Verbindung funktionalistischer und konflikttheoretischer
(z. B. dialektischer, marxistischer usw.) Ansätze sowie der Makro- und Mikrotheorien, des Objektivismus und des Subjektivismus.

Der Autor hat das Modell bereits 1975 entworfen. Auch die neuesten integrativen Ansätze prominenter Sozialphilosophen und Theoretiker wie Habermas, Bourdieu und Giddens haben in ihren Versuchen, die Vielfalt der Makro- und Mikrotheorien in einer einzigen Theorie zu vereinigen, keine wesentlichen Fortschritte gegenüber diesem Modell geboten.
Faktor 1: Ebenen der Gesellschaft
Eine hochindustrialisierte Gesellschaft wäre gekennzeichnet durch folgende vier Ebenen, die ihrerseits in eine Mehrzahl soziologisch eindeutig abgrenzbarer Unterbereiche zerfallen.
1.1 Religion – Kultur – Technologie – Wissenschaft – Kunst
1.2 Sprache – Kommunikation – Medien
1.3 Wirtschaft
1.4 Politik – Recht (Verfassung, Verwaltung, Gerichtsbarkeit) – Ethik
Um eine Vereinfachung im sprachlichen Ausdruck zu finden, wollen wir diese Gesellschaft folgend bezeichnen:
(Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-System
Die Kriterien einer jeden Ebene sind natürlich auf alle anderen zu beziehen. (Es gibt daher eine Wissenschaft der Wirtschaft oder umgekehrt eine Wirtschaft der Wissenschaft, eine Ethik der Kultur und umgekehrt eine Kultur der Ethik usw. Die Beziehungen wären kombinatorisch durchzudenken und erforderlichenfalls für praktische Untersuchungen heranzuziehen.)
Hinsichtlich jeder Ebene sind für jede Gesellschaft die empirischen Realitäten möglichst ausführlich anzusetzen, insbesondere auch alle wissenschaftlichen Theorien, die sich mit diesen Bereichen der Gesellschaft beschäftigen. Selbstverständlich beeinflussen bestimmte, einander oft bekämpfende Theorieansätze die Zustände in einer Gesellschaft. (In Russland vor der Perestroika gab es beispielsweise nur eine einzige Wirtschafts- und Sozialtheorie und nur eine Philosophie. Alle anderen Modelle wurden unterdrückt.)
Es erscheint für die Sozialtheorie unerlässlich, alle Ebenen einzeln und auch in ihren Wechselwirkungen zu beachten. Habermas hat etwa in seinen ursprünglichen Analysen des Spätkapitalismus neben der rein ökonomischen Ebene auch die politische integriert (erhöhter Staatseinfluss)[2], ist aber in seinen weiteren Analysen durch die Einbeziehung der Sprach- und Kommunikationstheorie zu völlig neuen, komplexeren Positionen (Universalpragmatik und Postulate kommunikativer Vernunft)[3] gelangt.
Faktor 2: Schichten
Für jeden westlich differenzierteren Nationalstaat ist die Gliederung in Schichten typisch. Wer die Verbindung der Theorie der Ebenen der Gesellschaft mit jener der Schichten vernachlässigt, beraubt sich wichtiger Kriterien, die besonders für die Diskriminierungsforschung unerlässlich erscheinen.
Die wirtschaftlich-funktionelle Teilung der Gesellschaft spiegelt sich in den Schichten, die als miteinander verbundene, aber auch im Gegensatz zueinander stehende
6 unterschiedliche (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Untersysteme
gelten können. Die Gliederung erfolgt nach dem Beruf, ist also auf Positionen in den Wirtschaftsprozessen bezogen. Die Gliederung repräsentiert in der Gesellschaft strukturell verfestigte Diskriminierungselemente, die man grob als Unterdrückung oder strukturelle Gewalt (kondensierte Diskriminierungsstruktur) bezeichnen könnte.
Für die westlichen Industriestaaten setzen wir folgende Schichten an:
6. Schicht: große Selbständige, höhere Angestellte und Beamte, freiberufliche Akademiker
5. Schicht: kleine Selbständige, Bauern inbegriffen
4. Schicht: mittlere Angestellte und Beamte
3. Schicht: niedere Angestellte und Beamte
2. Schicht: Facharbeiter
1. Schicht: Hilfsarbeiter und angel. Arbeiter
Wir können die Verbindung zwischen Ebenen und Schichten durch den Aufriss unseres Modells auf der nächsten Seite verdeutlichen:
Dieser Schichtaufbau impliziert eine Wertorientierung aller Gesellschaftsmitglieder untereinander. Zu beachten ist, dass sich die Schichtposition eines höher positionierten Facharbeiters bis in die Bereiche der mittleren Schichten verschieben kann, wie sich umgekehrt die Position der "kleinen" Selbständigen über mehrere Bereiche der Mittelschicht erstreckt.
Korte/Schäfers erwähnen einen Statusaufbau der BRD nach Hradil:
Oberschicht ca. 2 %
obere Mittelschicht ca. 5 %
mittlere Mittelschicht ca. 14 %
untere Mittelschicht ca. 29 %
unterste Mitte/oberes Unten ca. 29 %
Unterschicht ca. 17 %
"unterste Unterschicht" ca. 4 %
In dieser Schichtung wird auch dem Umstand Rechnung getragen, dass Teile der Arbeiterschaft bis in die untere Mittelschicht, Teile der kleinen Selbständigen ("alter Mittelstand") bis in die obere Mittelschicht und schließlich Angestellte und Beamte ("neuer Mittelstand") von der oberen Mittelschicht bis zur untersten Mittelschicht reichen.
Jede Schicht ist durch andere (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Eigenschaften gekennzeichnet, wobei die Position im Gesamtaufbau bereits die Erziehungsmethoden, kognitive Strukturen usw. prägt. Die Homogenisierungstendenzen der medialen Oberflächen suggerieren eine bestimmte Nivellierung des Schichtaufbaus. Hierdurch tritt häufig auch in der soziologischen Forschung eine Verschleierung dieser nach wie vor äußerst effektvollen Über- und Unterordnungsmechanismen der Schichtung ein.
Eine Schicht im Gesamtmodell ist in der Figur 2 gleichsam eine Scheibe, die herausgeschnitten etwa folgende Gestalt und folgende Eigenheiten besitzt:

Jede Schicht hat anderen Einfluss auf die wirtschaftlichen und politischen Prozesse und ist selbst ein anderer Faktor.
Ein besonderes Problem stellen ethnische Minderheiten dar. Sie sind sehr häufig nicht einfach aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit einer bestimmten Schicht zugeordnet, sondern wir beobachten gesonderte ethnische Schichtungen und Marginalisierungen. Diesbezüglich stellen die Untersuchungen des Autors unter (Pf 01) und (Pf 01a) ausführliches Material unter Berücksichtigung der bisherigen Forschung zur Verfügung.
Faktor 3: Der Mensch
Im Zentrum des Raummodells der Figur 2 befindet sich die jeweilige Wohnbevölkerung einer Schicht, wie in Figur 3 klarer erkennbar ist. Hierbei wird einerseits die prägende Wirkung der Ebenen und die Position im Gesamtaufbau auf den Einzelnen (hier des Facharbeiters und seiner Familie) sichtbar, andererseits zeigt sich die Wirkung, die von den einzelnen Menschen auf die Ebenen und die anderen Schichten ausgeht. Die von Habermas betonte Relation von System und Lebenswelt (Ha 81) wird hier theoretisch sichtbar gemacht. Für jeden Menschen sind im Weiteren Geschlecht und Lebenszyklus Determinanten der sozialen Bestimmung. In allen derzeitigen Gesellschaftssystemen ist etwa die Stellung der Frau in allen gesellschaftlichen Kriterien hinsichtlich Ebenen, Schichten, auch der ethnischen Schichten, diskriminierend verfestigt.[4]
Faktor 4: Dimension des Raumes – Territorialität
Die Dimension des Raumes (Staatsgrenzen, Verkehrswege, Ressourcen usw.) ist unerlässlicher Aspekt bei der Erkenntnis sozialer Phänomene. Die geografische Verteilung der Bevölkerung auf dem Staatsgebiet (ethnische Streuung) bedingt weitere typische soziale Differenzierungen und Eigentümlichkeiten. Alle bisherigen Elemente (Ebenen, Schichten usw.) sind mit diesem Faktor und seinen Wirkungen durchzudenken. In den aktuellen Sozialtheorien hat besonders Giddens auf die Dimension des Raumes Wert gelegt.[5]
Faktor 5: Dimension der Gegensätzlichkeiten – Konflikte – Krisen
Die bisherigen Ansätze sind in den soziologischen Richtungen des Funktionalismus besonders betont. Die folgende Dimension bringt die konflikttheoretischen (meist auch dialektisch orientierten) Schulen in das Modell ein. Während das bisherige Raummodell eher ein ruhiges Fließen von Funktionen suggeriert, betrachtet diese Dimension die Vielzahl und Arten der Gegensätze und Konflikte in der Gesellschaft.
Faktor 5.1: Innerpsychischer Gegensatz – Mikrotheorien
Innerpsychische Gegensätze werden nach den verschiedenen Schulen der Psychologie unterschiedlich begrifflich gefasst.
Die wichtigsten Richtungen der zeitgenössischen westlichen Psychologie sind:
Behaviorismus und Positivismus (auch Rassenpsychologien und -physiologien),
Psychoanalyse mit Nachfolgern Freuds,
Humanistische Psychologie,
Transpersonale Psychologie,
Grund- oder Ur-Psychologie, (Or-Om)-Psychologie.
Es handelt sich hier um eine grobe Vereinfachung.[6] Es wäre aber völlig ausgeschlossen, hier alle Schulen und Aspekte aller Schulen der Psychologie auch nur in Übersicht anzugeben. Psychologien haben jeweils ihre eigenen Erkenntnistheorien und deren Grenzen.
Faktor 5.1.1: Verbindung Psychologie – soziale Identität
Wir erwähnten bereits, dass die soziologische Theorienbildung sowohl Makro- als auch Mikrotheorien entwickelte, wobei schließlich in integrativen Ansätzen versucht wurde, die beiden Gruppen zusammenzuführen. Mikrotheorien gingen hierbei vom Individuum aus, versuchten vor allem gesamtgesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen aus der individuellen Ebene heraus zu erklären.
· (Tr 00) führt als Gruppen von Mikrotheorien etwa an:
das individuelle Programm – Verhaltens- und Nutzentheorien (Homans,
Opp, Coleman);
das interpretative Programm – Symbolischer Interaktionismus und Phänomenologie (Mead, Blumer, Husserl, Schütz, Berger/Luckmann);
Geschlecht als soziale Konstruktion, die wir bereits oben erwähnten.
- Als Ansätze der Überwindung des Makro-Mikro-Dualismus erwähnt
(Tr 00):
Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas);
die Gesellschaft der Individuen (Elias);
Kultur, Ökonomie, Politik und der Habitus des Menschen (Bourdieu);
Dualität von Handlung und Struktur (Beck, Giddens);
Konstituierung des Geschlechterverhältnisses (Bilden, Hannoveraner
Ansatz, Thürmer-Rohr, Hochschild).
Es wäre völlig ausgeschlossen, die Summe aller Ansätze und ihre Verflechtungen hier inhaltlich zu berücksichtigen, wenn auch kein Zweifel daran besteht, dass alle diese Theorien in unser Modell integriert werden können. Sie sind ja selbst Teile des Systems und beeinflussen ständig die Entwicklung desselben.
In einer vereinfachten Form versuchen wir fortzufahren:
Mit dem Hineinleben in die Gesellschaft ab der Geburt werden soziale Identitäten gebildet, wobei die bereits bisher erwähnten Faktoren 1 – 4 (für jeden unter-schiedlich) mitwirken. Hier sind alle geltenden Theorien der Sozialisation zu berücksichtigen.
Im Rahmen der sozialen Identität entwickelt jeder die
Auswahl-, Bewertungs- und Ordnungsstrategien und -muster
seines Verhaltens gegenüber den anderen Mitgliedern des Systems, seine Geschlechtsidentität, aber auch seine "ökonomische Identität" (in Beruf und Freizeit, als Konsument und Produzent usw.), auch seine religiöse, kulturelle und national geprägte Identität. Der Gender-Ansatz in der feministischen Theorie kann in unserem Modell alle seine Diskriminierungsaspekte finden.
Vergegenwärtigen wir uns dies wiederum an einem Facharbeiter in der obigen Figur 3. Aus den ihn in seiner Familie usw. umgebenden Zuständen der Schicht in wirtschaftlicher, politischer, kultureller und sprachlicher Hinsicht entwickelt er seine Identität, sehr wohl aber im Gesamtgefüge der anderen Schichten, die über und unter ihm sind. Vor allem die Summe dieser Über- und Unterordnungen sind für seine Identität sehr wichtig, sie lassen ihn erkennen, dass er in vieler Hinsicht diskriminiert, unterbewertet und missachtet ist.
Faktor 5.2: Soziale Gegensätzlichkeiten
Unser Raummodell macht sichtbar, dass soziale Gegensätzlichkeiten
a) auf den einzelnen Ebenen der Gesellschaft und zwischen den Ebenen 1 – 4,
b) in der einzelnen Schicht und zwischen den Schichten,
c) zwischen den Menschen,
d) in der geografischen Dimension
und in allen Kombinationen von a – d bestehen.
Die Auffassung ist jedoch um alle in der Gesellschaft bestehenden Konflikttheorien (z. B. Marxismus, Sozialismus, funktionalistische Konflikttheorie, Krisentendenzen des Spätkapitalismus usw.) zu erweitern.
Die Einführung des Konfliktbegriffes eröffnet auf allen von uns eher funktionalistisch erschlossenen Ebenen, Schichten und demographischen Dimensionen die vorhandenen Prozesse und Motive.
Wir ermöglichen dadurch, ungenau gesagt, zu erkennen, dass Gesellschaft stets Struktur und Spannung gleichzeitig ist, wie überhaupt das gleichzeitige Denken der Gesellschaft als Struktur (relativ stabilisierte Spannung) und Prozess (Änderung der Spannungsrelationen) notwendig ist, um nicht allzu einfach zu verfahren.
Wir vervollständigen unser Modell, indem wir im Schichtaufbau auf die Distanz der verschiedenen Ebenen (Sprache, Kultur, Wirtschaft, Politik) hinweisen, welche die Spannungs- und Konfliktpotentiale aus innerpsychischen und sozialen Konflikten andeuten. Die Menschen der jeweiligen Schicht werden im Zentrum eingezeichnet.
Faktor 6: Zeitfaktor – Geschichte
Ohne eine bestimmte Theorie der Zeit zu benutzen (alle diese Theorien sind im Modell bereits angesetzt), wird deutlich, dass hinsichtlich aller 5 bisherigen Faktoren, einzeln und aller in allen Wechselwirkungen, die Zeit (als geschichtliche Dimension) einen weiteren Faktor bildet. In den modernen Sozialtheorien beachten vor allem Elias und Giddens den Zeitfaktor explizit.
Verhältnis des Urbildes zu we1 des westlichen Nationalstaates
In (Pf 01, S. 122 ff.) und (Pf 01a, S. 218 ff.) werden diese Zustände eines westlichen Nationalstaates mit den Parametern des Urbildes gemäß dem obigen Grundplan in Verbindung gebracht. Es ist nötig, gleichsam in allen Ecken und Enden des Systems die diskriminierenden, verzerrenden Strukturen und inadäquaten sozialen Fixierungen einzelner Gruppen festzustellen. An jedem Punkt kann man eine Weiterbildung im Sinne der Prinzipien des Urbildes beginnen, indem man Modellbegriffe (Musterbegriffe) ausarbeitet.
Sind in einem einzelnen Sozialsystem (Staat usw.) diese Prinzipien eingeführt, werden die derzeitigen allgegenwärtigen diskriminierenden Spannungen, Konflikte und Strukturen zunehmend eliminiert und durch Strukturen von Synthese, Ausgleich, Harmonie und Balance bei hochgradiger Individualität, Pluralität und Polymorphismus ersetzt. Die Utopie eines solchen Gesellschaftsmodells müsste etwa eine Nebenordnung aller Schichten beinhalten. Auch die Minoritäten sind bei Aufrechterhaltung maximaler multikultureller Pluralität undiskriminiert integriert.
Die Überleitung aller diskriminierenden menschlichen Beziehungen in diese Universalität darf ausschließlich nur durch gute und friedliche Mittel erfolgen. Politische Gewalt, psychischer und physischer Terror, Umsturz, List, Intrige, politische Instrumentalisierung und Ideologisierung und alle ähnlichen negativen Mittel sind auszuschließen.
Das Problem des Ethnozentrismus
Da es sich hier um einen westlichen Nationalstaat handelt, wollen wir dieses System als Sozialsystem1 bezeichnen, das in seinen soziologischen Eigenheiten als grünes System gelten soll.
Es wäre naiv, die Probleme nicht zu sehen, die hier bereits entstehen:
* Unsere Sätze bis hierher gehören einmal vorerst dem Sozialsystem1 an, haben daher grüne Färbung, sind nicht systeminvariant.
* Wenn auch das Modell des Sozialsystems1 in der Lage ist, alle Begriffe aufzunehmen, die im Sozialsystem1 jemals gebildet werden sollten (darin sind natürlich auch alle Begriffe und Ansätze der Postmoderne und der interkulturellen Philosophie enthalten, neben allen anderen Epistemen der Rationalität), so haftet ihnen doch Subjektivität und Intersubjektivität bezogen auf das grüne System an.
* Die reflexiven Leistungen (Selbstthematisierungen), welche von der System-heorie vorausgesetzt werden, etwa in (Ha 81), (Wa 90) und (We 95), unterliegen hinsichtlich ihrer Begrifflichkeit einer System-Immanenz und System-Vermitteltheit bezüglich des Sozialsystems1. Es ergibt sich bildhaft die Frage, inwieweit reflexive Selbstthematisierungen der Systemtheorie die Grünheit ihrer eigenen Sozialsystem1-Immanenz und -Vermitteltheit abschütteln könnten.
Wir benehmen uns – kurz – in unseren Reflexionen über die eigene Gesellschaft bereits immer so, als könnten wir sie unabhängig von unserer eigenen Grünheit betrachten, über sie grün-unabhängige Aussagen machen, Meta-Aussagen, die farblos, unabhängig von jeglicher Evolution unseres eigenen Systems, ja aller Systeme wären. Wir haben dies oben auch für die Postmoderne nachgezeichnet. Auch sie erhebt sich über die eigene Implikationen in eine Farblosigkeit, die sie nicht rechtfertigen kann. Auch sie repliziert "transzendentale Gewalt" nach Waldenfels. Obwohl wir so denken, hat diese Art des Denkens derzeit noch keinerlei wissenschaftlich gesicherte Grundlage. Wir halten fest: Die Aussagen über das Sozialsystem1 durch einen Vertreter des Systems (auch Welsch, Habermas, Lyotard, Waldenfels, Kimmerle usw.) besitzen keinerlei theoretisch gesicherte Grundlage jenseits der Grünheit des Systems.
Sozialsystem1 und Sozialsystem2
Die theoretischen Grundlagen der wissenschaftlichen Forschung werden zusätzlich diffuser und unsicherer, wenn wir Aussagen über zwei Systeme treffen wollen, was in den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen wie Ethnologie und interkultureller Philosophie, aber auch in der politischen Praxis geschieht und letztlich auch in der Postmoderne geschehen muss (vgl. Waldenfels' Begriffe von Egozentrik, Logozentrik und Ethnozentrik).
Wir vergleichen ein Sozialsystem1:

mit einem Sozialsystem2:

Das Sozialsystem2 sei bestimmt durch vom grünen Sozialsystem1 erheblich abweichende Determinanten. Die Schicht der Industriearbeiter ist äußerst schwach ausgebildet, kleine Händler und Handwerker, die es in den grünen Systemen überhaupt nicht mehr gibt, bevölkern als vom Lande geflüchtete Landlose die Slumgebiete der Megastädte, in ländlichen Gebieten hingegen fristen 60 % der Bevölkerung als Kleinbauern in unterschiedlichen Modellen der Abhängigkeit von Großgrundbesitzern ihr Leben. Ihre Subsistenzwirtschaft (informeller Sektor) ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor, der in der Berechnung des BSP nicht auf-scheint. Die Schicht der Beamten und Angestellten ist ebenfalls deutlich schwächer ausgebildet. Großfamiliäre Solidarbindungen sind häufig die einzige Möglichkeit des Überlebens.
Wir nennen es daher lila und bezeichnen es als Sozialsystem2. Das lila System stelle etwa ein Entwicklungsland dar, das an der "Peripherie" des Weltsystems liegt (z. B. Somalia).
Zwei farbige Systeme, die Weltbilder zweier unterschiedlich gefärbter Systeme, können weder mit den Begriffen eines der beiden Systeme noch mit denen eines dritten, anders gefärbten Systems adäquat aufeinander bezogen werden (Problem der Transformationsadäquanz von Begriffen).
In einem Gleichnis kann dies folgend veranschaulicht werden:
Sozialsystem1 entspräche einem PKW und Sozialsystem2 einem von Pferden gezogenen Wagen. Man kann einen PKW mit den Konstruktionsbegriffen eines Pferdewagens beschreiben oder umgekehrt den Pferdewagen mit den Begriffen eines PKW. Offensichtlich werden aber beide Beschreibungen inadäquat sein. Zu prüfen ist weiterhin, ob der Beschreibende des PKW nur die Pläne des Sozial-systems1 kennt oder beide und umgekehrt, ob der Beschreibende der Pferdekutsche nur die Pläne des Sozialsystems2 kennt oder beide. Dieser Vergleich ist nicht abwertend gemeint, versucht aber darauf aufmerksam zu machen, dass die funktionalen und inhaltlichen Zusammenhänge in den beiden Systemtypen äußerst unterschiedlich sind.
Wissenschafter und Politiker bedenken zumeist viel zu wenig diese funktionellen Unterschiede der Systemtypen, weil sie ihre Systembrillen nicht ablegen können oder wollen. Politischen Strategen und den ihnen zuarbeitenden theoretischen Eliten des Sozialsystems1 dienen diese Differenzen, seit der Kolonialzeit instrumentalisiert, der Legitimierung unterschiedlichster Arten von Interventionen, mit der häufig politische Eigeninteressen (Ressourenoptimierung) verfolgt werden.
Jedem wird klar sein, dass in diesem lila System alle politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Uhren anders gehen als in einem Sozialsystem1.
Hier wird neuerlich deutlich, dass unsere auf diesem Blatt geschriebenen Sätze selbst, um sinnvoll sein zu können, einem System ohne Sozialsystem1-Immanenz usw. angehören müssen, wobei das Problem des infiniten Regresses der Reflexions- und Sprachstufen auftritt. Subjekte aus Sozialsystem1/Sozialsystem2 benutzen bei der Betrachtung (Forschung) von Sozialsystem2/Sozialsystem1 die mit jeweiliger Systemimmanenz und Systemvermitteltheit behafteten, gefärbten Begriffe (Brillen) und können daher durch diese Begriffsverzerrung (Farb- und Glasverzerrung) das Sozialsystem2/Sozialsystem1 nur mangelhaft erkennen, woraus sich eine durch die jeweilige Systemimmanenz und Systemvermitteltheit bedingte Inadäquanz der Erkenntnis ergibt.
Unsere hiesigen Aussagen (z. B. auch alle Überlegungen Waldenfels' und anderer postmoderner oder interkultureller Philosophen, welche das Problem des [europäischen] Ethnozentrismus behandeln), befinden sich zweifelsohne auf einer Überebene, Metaebene 1.
Wir sprechen in der Metaebene und treffen darin Aussagen, die aber in keiner Weise formal oder inhaltlich wissenschaftlich oder erkenntnistheoretisch gesichert sind.
Es ergibt sich:
Die Nichtbeachtung dieser wissenschaftlichen Situation und aller damit verbundenen ethnozentrischen Erkenntnisverzerrungen ist eine empirische Tatsache. Christo Stoyanov erwähnt in einem Beitrag zur Transformationsforschung, dass die Wissenschafter in den postsozialistischen Staaten den Eindruck haben, dass ihre westlichen Kollegen ihnen die "überlegenen westlichen Systemwerte" und ihre vermeintlich evolutiven Universalien in Form einer Kolonialisierung, einer AIDS-Infektion und eines aggressiven Vordringens vermitteln wollen. In Machtasymmetrie nützten sie ihre dominante Stellung aus, in völliger Ignoranz gegenüber der Eigenart der osteuropäischen Geschichte.
Die zunehmenden kommunikativen Verschränkungen im Weltsystem aktualisieren die Problemstellung. Die Frage nach der Begründungsmöglichkeit eines farblosen Bezugssystems, welches unabhängig von der Evolution aller Systeme im Weltsystem und unabhängig von der manipulativen Dominanz des "überlegenen Systems" Grundlage der Systembetrachtung sein kann, wird an Dringlichkeit zunehmen.
Sozialsystem3 – Das Volk der Alindu
Das Sozialsystem3 hat den umseitigen Aufbau und rote Färbung. Das Volk besteht aus zwei Stämmen, die ohne Veränderung nach folgenden Strukturen geordnet sind. Der Stamm Kufé ist aufgrund eines Entstehungsmythos dem Himmel, der Zahl 3 und den Vögeln zugeordnet und gilt als männlich; der Stamm Salagu, ist der Erde, der Zahl 4 und den Vierbeinern zugeordnet und gilt als weiblich. Die Untergliederung des Stammes erfolgt in 3 Gruppen, die nach Tieren benannt sind, denen gegenüber die Gruppe besondere Vorschriften einzuhalten hat. Die Großfamilien in den Untergruppen werden nach Teilen des zugehörigen Tieres benannt. Die Siedlungsformen der Dörfer erfolgen strikte nach dem kosmischen Aufbau der Gesellschaft. Im Zentrum, dem heiligen Bezirk, leben die wichtigen religiösen, politischen, technischen und sozialen Funktionsträger, deren politische Funktionen aus dem Ursprungsmythos abgeleitet und legitimiert sind. Die politischen Strukturen sind durch kosmische Strukturen und deren Verhältnisse bestimmt. Man spricht von einem animistischen Weltbild.

Der Oberste, der Oya, ein Kufé, ist eine hieratische Erscheinung, besitzt geheimes Wissen, ist Hüter allen Lebens und Vermittler zu allen das Leben fördernden Kräften und ist auch eine Synthese von männlich und weiblich. Der Kastu, auch ein Kufé, ist Opferpriester, der Falao, ein Kufé, ist Vorbereiter von Zeremonien und Festen. Der Schmied, ein Kufé, ist dem nächtlichen Lauf der Sonne zugeordnet und steht in mythischer Verbindung mit Feuer und Eisen. Seine Arbeit gilt als magische Handlung. Der Asada, ein Salagu, ist Magier, Seher, Heiler, Behüter und Diener der Erde.
Es gilt eine Dreiseelenlehre. Jeder hat eine Seele A (Ahnenseele) des Urgroßvaters, die Seele C aus dem der Gruppe zugehörigen Tier und die Seele B, die im Grabe des Urgroßvaters verblieben ist. Die Kunst ist magisch-kultisch-rituell bestimmt und fügt sich in Form und Inhalt in die kosmischen Bezüge.
Ein privates oder kollektives Eigentum an Boden gibt es nicht. Die Salagu haben das Verteilungs- und Ordnungsrecht über Grund und Boden. Die Erde ist ein Individuum, eine Frau. Die Bodenbestellung muss wie die Zeugung eines Menschen durch Mann und Frau erfolgen. Die territoriale Hoheit ist kosmisch legitimiert, die Form der Siedlung kosmisch strukturiert.
Das System ist schriftlos, bildet also eine rein orale Kultur, was bekanntlich wichtigen Einfluss auf die Komposition und Gewichtung der Bewusstseinselemente und Erkenntnisstrukturen, aber auch auf soziale Gliederung (Autoritätsbildungen), die Verteilung und Verbreitung von Wissen und evolutive Perspekiven besitzt.
Es ist klar, dass in diesem System die "Uhren anders gehen" als in den beiden vorherigen Typen. Ein Mensch mit grünen Brillen und grünen Begriffen wird das rote System verzerrt sehen und umgekehrt wird ein Salago, der erstmals nach Paris kommt, mit seinen roten Begriffen unsere Welt in einer uns nicht zugänglichen Form erkennen und erfahren.
Weltsystem
Wenn wir auch nur in oberflächlicher Weise versuchen, diese 3 Systemtypen im Weltsystem zu vergleichen, treten die obigen Probleme in potenzierter Form auf.
Die theoretischen Vorbehalte gelten sinngemäß. Unsere hiesigen Aussagen befinden sich zweifelsohne auf einer neuen Metaebene.
Es ergibt sich:
Auch hier gilt, dass diese Aussagen in keiner Weise formal oder inhaltlich wissenschaftlich oder erkenntnistheoretisch gesichert sind.
Unsere Interpretation des Lebens von Eingeborenenstämmen, hier der Alindu, die ökonomischen Theorien eines amerikanischen Bankiers hinsichtlich der Inflation in einem Entwicklungsland (Sozialsystem2), die Evolutionsthesen der ehemaligen sozialistischen Länder, die Gegensätze zwischen mythologischen und rational-wissenschaftlichen Weltbildparadigmen in der New-Age-Bewegung, die islamische These von der Evolution der Religionssysteme, die reaktiven Entwürfe religiös-nationaler Identitätsstrategien in den Entwicklungsländern, der Cargo-Kult, die Sätze von Levi-Strauss über den Mythos der Mythologie in der Einleitung zu "Mythologica I", die Theorie des Ganzen als einer originären Pluralität heterogener Gebilde bei Welsch, die Überlegungen Waldenfels' über Eigenes und Fremdes, die Evolutionstheorie des Weltsystems von Wallerstein oder Modelski, sie alle sind betroffen von der erwähnten Problematik, besitzen eigentlich keine theoretische Begründung.
Wir gehen davon aus, dass ein farbloses "neutrales" Begriffs- und Beschreibungssystem, welches diese Probleme bewältigt und vermeidet, nur dann gefunden werden kann, wenn der Mensch in Gott Begriffe finden kann, die für die göttliche wie für die menschliche Rationalität konstitutive Geltung besitzen. Diese Rationalitätsstrukturen sind nach Ansicht des Autors in der Grundwissenschaft Krauses enthalten, aus der hier teilweise Gesichtspunkte vorgestellt werden.
Machtverhältnisse im Weltsystem
Das Weltsystem, ähnlich wie einen Einzelstaat, als ein in sich geschichtetes System zu betrachten, wurde in verschiedener Weise in der Forschung versucht (Heinz, Senghaas, Russert, Lagos), aber inzwischen wieder aufgegeben.
Die Analogie ist infolge der unterschiedlich hohen Integrationsgrade im Weltsystem in ökonomischer, politischer, sprachlicher und kultureller Hinsicht mit Vorsicht anzuwenden. Andererseits ist nur über ein Modell, welches ähnlich unserem Raummodell in Figur 2 für den Nationalstaat aufgebaut werden müsste, die Möglichkeit gegeben, die Unterdrückung im Weltsystem sichtbar zu machen. Die Weltbilder im Gesamtsystem sind daher durch die Vielzahl inadäquater sozialer Fixierungen gesellschaftlicher Gruppen und ganzer Völker (Staaten-gruppen) miteinander verbunden. Den Begriff "inadäquat" müsste man hier wiederum farblos verstehen, der Maßstab wären die Kategorien der göttlichen Vernunft.
Derzeit wird das Machtgefüge eher durch die Begriffe von Zentrum, Halbperipherie und Peripherie gefasst, aber auch hier müsste eine strukturelle Beziehung in einem Modell erfolgen, die unserem Raummodell nachgebildet wird und in Figur 4 berücksichtigt ist. Die Einteilung in erste, zweite und dritte Welt ist seit dem Zusammenbruch des "realen Sozialismus" unbrauchbar geworden. Die ehemalige "zweite Welt" ordnet man derzeit auch bei den "Transformationsländern" ein. Die Einordnung der Länder in eine Skala von "Entwicklungsändern" mit zunehmenden Armutsparametern ist infolge der unterschiedlichen Statistiken und Messmethoden bei UNO, Weltbank und OECD selbst umstritten.
Basisdaten
Der Umstand der Ungleichheiten zwischen den drei Systemtypen Zentrum, Halbperipherie und Peripherie im Weltsystem ist Gegenstand unzähliger Analysen unterschiedlichster theoretischer Ansätze. Der Hinweis auf einige Basisdaten reicht aber, um das Ausmaß real sichtbar zu machen. In der Messung von Entwicklung ist bekanntlich das BSP als Indikator als unzureichend erkannt worden. Neben dem von ihm erfassten Bereich der Produktion für den Markt und Lohnarbeit sind der informelle Sektor, die Teilhabe an politischen Gestaltungsprozessen, die Menschenrechtssituation, die kulturelle Teilhabe, der Zugang zu modernen Kommunikationsmitteln und der Alphabetisierungsgrad, die Beschäftigungschancen, der Tribalismus, die Aufwärtsmobilität im Schichtsystem sowie die Zustände des Ökosystems wichtige Faktoren. Auch der "Human-Development-Index" der UNO, bestehend aus Lebenserwartung, Bildung und Lebensstandard, reicht nicht aus. Nach unserem Dafürhalten müsste für jedes Land ein Schichtmodell in der oben für die Sozialsysteme1 und 2 dargestellten Differenzierung erstellt werden, um zu wissen, wie für die Rechtlosen und Unter-privilegierten "die Uhren wirklich gehen".
Die reichsten Länder der Welt (20 % der Weltbevölkerung) haben ihren Anteil am Welt-Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem ärmsten Fünftel der Welt von 3:1 im Jahre 1820 auf 74:1 im Jahre 1997 vergrößert. Ein Fünftel der Weltbevölkerung von 6 Milliarden Menschen lebt in absoluter Armut (1,08 US-Dollar pro Tag). Besonders betroffene Gebiete sind Schwarzafrika, Indien, Pakistan und Bangladesch. Setzt man die Armutsgrenze auf 2 US-Dollar pro Tag fest, lebt fast die Hälfte der Menschheit (47 %) in Armut. Geringes Einkommen bedingt mangelhafte Gesundheit, mangelnde Bildung, labile Verankerung in sozial unsicheren Identitäten und politische Machtlosigkeit. Die durchschnittliche Lebenserwartung, die Kinder- und Altensterblichkeit sind deutlich höher, die ärztlicher Versorgung entsprechend beschränkt. Interne politisch-wirtschaftliche Machtverhältnisse bestimmen neben externen Faktoren die Trends auf Verbesserung der Lebenssituation der Bevölkerung (z. B. Unterschiede zwischen Kuba, Sri Lanka und Vietnam einerseits und Südafrika andererseits).
Die AIDS-Katastrophe belastet die ohnedies bereits düsteren Parameter in Schwarzafrika (Afrika südlich der Sahara) zusätzlich (hohe Zahl an Infizierten, Todesfälle, Wahrscheinlichkeitsrate der Ansteckung, volkswirtschaftliche Verluste und hohe Kosten der medizinischen Behandlung und der Vorsorge-Tests). Schwarzafrikas Anteil an der Weltbevölkerung beträgt 10,7 % (642 Millionen), es hat eine Wirtschaftsleistung von 2,4 %, der Anteil am Welthandel beträgt 1,3 %. Die 7,1 Millionen Schweizer exportieren mehr als ganz Schwarzafrika. Nur 0,7 % der grenzüberschreitenden Investitionen fließen nach Schwarzafrika. Der Anteil der Internetzugänge beträgt 0,2 %.
Von den 793 Millionen Unterernähten in der "dritten Welt" weisen 234 Millionen (ca. 30 %) einen Fehlbedarf von 1 – 19 % auf, 333 Millionen (ca. 42 %) fallen in die Kategorie eines Fehlbedarfs von 20 – 34 % und bei 226 Millionen (29 % der Hungernden) beträgt das tägliche Kaloriendefizit mehr als 34 % mit schlimmsten Folgen chronischer Unterernährung. Diese Daten stehen im zynischen Gegensatz zum Ausmaß der Übergewichtigen und Fehlernährten in den Industriestaaten. Der mit der Pflege und Ernährung von Hunden und Katzen in den Industriestaaten betriebene Aufwand rundet das Bild bedenklich ab.
In den reichen Ländern des Nordens, auch "Industrieländer" genannt, lebt rund ein Fünftel der Weltbevölkerung. Ihr Anteil an den erwirtschafteten Gütern und Dienstleistungen der Welt (Welt-Bruttoinlandsprodukt) beträgt 80 %. Das reichste Fünftel der Menschheit kontrolliert 73 % des Welthandels und verzehrt 45 % des weltweiten Angebotes an Fleisch und Fisch, wobei ein Drittel dieser Bevölkerung übergewichtig ist. 62 % der Energie mit den entsprechenden Folgen für Treibgasausstoß und Klima braucht der Norden für sein "Wohlstandsmodell". Der Trend zur Ausweitung dieser Vormachtstellung wird durch die Dominanz in den neuen Medientechnologien eher begünstigt, da diese in ökonomische und dirigistische Effizienz umgesetzt werden können. 96 % der Internet-Anschlüsse finden sich in den OECD-Ländern.
53 % der grenzüberschreitenden Exporte finden innerhalb der Industrieländer (Nord-Nord-Handel) statt. Industrieprodukte wie Maschinen, Transportmittel, elektronische Geräte, Chemieprodukte usw. sind wertmäßig die bedeutendsten Exportgüter (70 % aller Exporte). Sie werden überwiegend im Norden hergestellt und gekauft. Exporte vergleichbarer Waren des Südens in den Norden werden häufig durch Protektionismus behindert. Allgemein kommt es zu einer Verschlechterung der Terms of Trade.
Weitere 30 % des Welthandels fallen in den Bereich des Nord-Süd-Handels. Der Süd-Süd-Handel innerhalb der Entwicklungsländer macht rund 17 % der welt-weiten Exporte aus.
Im Jahre 1999 kamen lediglich 26 % der Warenexporte aus den "Entwicklungsländern" (85 % der Weltbevölkerung), den Rest der Exporte bestritten die Industrieländer unter sich. Gerade die wertmäßig wichtigsten Handelsströme fließen noch immer weitgehend zwischen den Industrieländern.
Die internationale Ölpreispolitik stellt einen weiteren marginalisierenden Machtfaktor zulasten der Entwicklungsländer dar, die nicht selbst Öl exportieren. Die Steigerung des Rohölpreises pro Barrel im Jahre 2000 um rund 10 US-Dollar (um 36 %) bedingte für 64 Entwicklungsländer, die Öl importieren müssen, eine zusätzliche Belastung von 43 Milliarden US-Dollar. Ein Großteil der ärmeren Länder muss zur Deckung des unabwendbaren Ölbedarfes für Energie, Verkehr und chemische Produkte öffentliche Kredite aufnehmen, was zu weiterer Verschuldung führt.
Die Preise für agrarische und mineralische Rohstoffe sind, über längere Zeit betrachtet, rückläufig, was eine weitere Belastung für jene Länder darstellt, deren Exporte weitgehend aus derartigen Rohstoffen (Kaffee, Kakao, Baumwolle, Kupfer usw.) bestehen. Besonders vom Export von Rohstoffen abhängig sind etwa Burundi, Nicaragua, Ecuador, Kenia und Zimbabwe. Der Versuch, über mengenmäßige Begrenzungen (Beschränkung des Angebots) den Preis zu erhöhen (Kaffee, Kakao, Zucker, Bananen, Bauxit, Kautschuk, Öl u. a.), wurde nur mangelhaft umgesetzt. Besonders die Agrarexporte der Entwicklungsländer unterliegen protektionistischen Abschottungen der Industrieländer, die damit ihren eigenen Agrarsektor schützen (Zucker, Getreide, bestimmte Gemüse, Tabak, Wein, Olivenöl usw.). Der jährliche Einnahmenentgang der Entwicklungsländer liegt nach Schätzungen des IWF bei etwa 40 Milliarden US-Dollar.
Ein wesentlicher Teil der Globalisierungsdynamik geht an den Entwicklungsländern vorbei. So landeten beispielsweise von den rund 1,1 Billionen US-Dollar, die im Jahre 2000 als Direktinvestitionen im Ausland angelegt wurden, nur
15,9 % in den Entwicklungsländern, wo immerhin 85 % der Weltbevölkerung leben. Von weltweiten Kapitalmarkttransfers (4,3 Billionen US-Dollar) erreichten im Jahre 2000 gerade 5,5 % die Entwicklungsländer. Ein Großteil der Gelder, die in den Süden fließen, verteilt sich auf einige wenige Länder. Die 10 reichsten Schwellenländer – allen voran China – vereinigten 1999 74 % der 3.-Welt-Direktinvestitionen, weitere 19 % entfielen auf die anderen Länder mit "mittleren Einkommen". Nur 6,8 % der Direktinvestitionen flossen in die Länder mit niedrigem Einkommen, in denen 40 % der Weltbevölkerung leben. Zusätzlich gibt es häufig einen Kapitalabfluss aus den instabilen Entwicklungsländern in das Zentrum des Weltsystems.
Die Überschuldung der Entwicklungsländer ist ein weiteres, destabilisierendes Element. Nach Aufstellung der Weltbank flossen im Jahre 1999 rund 265 Milliarden US-Dollar (45,3 Milliarden öffentliche Gelder, 219,2 Milliarden private Direktinvestitionen, Bankkredite, Anleihen und Aktienkäufe) in die Entwicklungsländer, wobei Handelsbeziehungen und Mittel der "technischen Zusammenarbeit" nicht mitgezählt werden. Diesem Kapitalstrom steht ein gigantischer Schuldendienst gegenüber, der zur Zahlung von Zinsen und Tilgungen vom Süden an den Norden zu zahlen ist. Im Jahre 1999 waren dies 340 Milliarden US-Dollar. Viele Länder der dritten Welt sind gegenüber ausländischen Regierungen, internationalen Institutionen (Weltbank, IWF) und privaten Banken derart erstickend verschuldet, dass eine Rückzahlung dieser Schulden ebenso unwahrscheinlich wie eine soziale Entwicklung des Landes ist. Dies gilt auch für einige Länder mit mittleren Einkommen. Die Schulden übersteigen das Jahreseinkommen in Indien um 114 %, in Argentinien um 429 %, in Burundi um 850 %, in Bolivien um 220 %, in DR Kongo um 717 %, in Brasilien um 380 %, in Nicaragua um 662 %, in Peru um 340 % und in Sambia um 518 %. Enorme Anteile der Exporteinnahmen werden daher häufig gleich wieder für die Bedienung des Schuldendienstes ausgegeben. Die Überschuldung bedingt eine erhebliche Einschränkung des ökonomischen, politischen und sozialen Handlungsspielraumes, führt zu inneren Destabilisierungen der Systeme, die wiederum häufig das Investitionsklima verschlechtern, die Arbeitslosigkeit zumindest nicht verringern und damit evolutive Fortschritte unmöglich machen.
Selbstverständlich werden die Parameter durch endogene Faktoren der einzelnen Staaten, wie Korruption der Eliten, Nepotismus, Tribalismus, Fehlentscheidungen bei Richtung der Investitionen, Überbetonung der Militärausgaben und ähnliche desintegrative Trends, zusätzlich verschlechtert. Der theoretische Disput darüber, ob exogene oder endogene Gründe für die Unterentwicklung verantwortlich seien, ist in dieser Form nicht zielführend, da es sich um eine systemtheoretisch komplexe Verbindung beider Bereiche handelt. Die HIPC-Initiative (für heavily indebted poor countries) von Weltbank und Währungsfonds zum Erlass von Schuldenanteilen bei Erstellung eines nachprüfbaren Planes zur Armutsverminderung (Poverty-Reduction-Strategy-Paper) sind erste Versuche der Linderung.
Die meisten Kriege und bewaffneten Konflikte (mehr als 90 %) sind heute "innerstaatliche" Auseinandersetzungen. In der "dritten Welt" sind bewaffnete Konflikte häufig ausgelöst oder verschärft durch desolate Entwicklungsperspektiven, ethnische oder tribale Rivalitäten, Kämpfe um die Vorherrschaft in schwachen Staaten oder religiöse Konflikte, die häufig nur als instrumentalisierte Aufladung echter Ressourcen- und Interessenkonflikte fungieren. In vielen Ländern des Südens hat der Staat sein Gewaltmonopol verloren, wenn er es je besessen hat. Bewaffnete Gruppen (z. B. warlords), in ihren Zielen, Ideologien und Methoden kaum noch zu identifizieren, kämpfen um politischen Einfluss oder versuchen ökonomisch wichtige Faktoren (etwa im Rohstoffbereich) unter Kontrolle zu bekommen. Ausländische Staaten manipulieren u. U. derartige Konfliktlinien um das Land im bestehenden Zustand zu destabilisieren oder ihnen genehmere Eliten zu etablieren. Wesentliche Konfliktherde sind derzeit (alphabetisch): Afghanistan, Burundi, Demokratische Republik Kongo, Elfenbeinküste, Indien/Pakistan, Irak/Westen, Israel/Palästina, Kolumbien, Liberia, Nepal, Sudan, Tschetschenien. Waffenproduktion und -exporte (Massenvernichtungswaffen, Biowaffen und leichte Waffen) stellen selbst einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Der global operierende Terrorismus ist eine neue Spezialvariante der Konfliktstrukturen im Weltsystem. Laufende UNO-Friedensmissionen versuchen bestimmte Konflikte einzudämmen oder zu mildern.
Die geschilderten Zustände in der "dritten Welt" bedingen, dass staatsinterne und internationale Flüchtlingsströme zu einem gewaltigen politischen und humanitären Problem werden. Weltweit sind 70 Millionen Menschen auf der Suche nach einer neuen Heimat. Weitere Probleme in diesem Zusammenhang sind z. B. der Patentschutz bei Medikamenten, der Treibhauseffekt mit Klimaveränderungen, die Wasserknappheit, die Regenwald-Verluste, die Probleme der Kinderarbeit und der Einsatz von Kindern als Soldaten.
Die Hybris der Kapitalmärkte
Die obigen Basisdaten zeigen bereits eklatante Ungleichgewichte und Unterdrückungspotentiale zwischen den drei Ländergruppen im Weltsystem. Wir sind aber unbedingt genötigt, als eine mächtige Instanz über den einzelnen Staatengruppen das hochabstrakte, den kruden ökonomischen Rationalitätsgesetzen eines Casino-Kapitalismus (mad money) folgende System der internationalen Finanzmärkte anzusetzen, dessen Machtpotentiale die daneben ablaufenden traditionellen Wirtschaftsprozesse zwergenhaft erscheinen lassen. Die funktionelle Verbindung derselben mit wenigen Staaten des Zentrums ist offensichtlich.
Die im Rahmen der Globalisierung rechtlich ermöglichte Ausweitung der Transaktionen der internationalen Finanzmärkte führte dazu, dass täglich etwa 1,5 Billionen US-Dollar umgesetzt werden. Der weitaus größte Teil dieser Summe hat keine realwirtschaftlichen Bezüge, sondern dient einzig und allein der Geldvermehrung an sich. Dieses Geld wird angelegt, um kurzfristige Gewinne durch Spekulationen auf Kursschwankungen bei Devisen, Aktien oder Wertpapieren, deren Börsenplatzierung wiederum weitgehend ebenfalls von Erwartungshaltungen – nicht etwa von den tatsächlichen wirtschaftlichen Stärken oder Schwächen – bestimmt wird, zu erzielen. Die elektronische Geschwindigkeit der exklusiven digitalen Systeme des Datentransfers macht es möglich, innerhalb kürzester Zeit die geringsten Bewertungsdifferenzen an den Börsenplätzen in Spekulationsgewinne und -verluste umzuwandeln. Mehr als 80 % der Anlagen an den internationalen Finanzmärkten haben eine Laufzeit von weniger als 2 Monaten, viele sogar nur von wenigen Stunden. Diese spekulativ bestimmten Bewertungsprozesse börsennotierter Unternehmen bedingen einen gewaltigen Druck auf alle Dispositionen der betroffenen Firmen.
Der mangelnde Bezug zur Realwirtschaft wird schon aus den Größenverhältnissen deutlich. 1997 lag beispielsweise das Volumen des Welthandels (Waren und Dienstleistungen) bei ca. 6,8 Billionen US-Dollar, das sind knapp 2 % der Umsätze der Finanzmärkte. Selbst bei Hinzurechnung der Auslandsinvestitionen und anderer Beteiligungen bleibt der realwirtschaftliche Anteil bei höchstens 5 %. Diese spekulativen Geldanlagen besitzen umgekehrt erhebliche Auswirkungen auf die Realwirtschaft, da sie ungeheuere Geldmengen binden und die Attraktivität anderer Investitionen reduzieren. Versuche, diese spekulative Zweckentfremdung des Geldes zu verhindern oder zu reduzieren (z. B. mittels der Tobin-Steuer), hatten bisher keinen Erfolg.
An den Börsen und in den Handelsräumen der Banken und Versicherungen, bei Investment- und Pensionsfonds hat eine neue politische Klasse die Weltbühne der Macht betreten, der sich kein Staat, kein Unternehmen und erst recht kein durchschnittlicher Steuerbürger mehr entziehen kann: Global agierende Händler in Devisen und Wertpapieren, die einen täglich wachsenden Strom freien Anlagekapitals – weitgehend frei von staatlicher Kontrolle – dirigieren und damit über Wohl und Wehe ganzer Nationen entscheiden können, sind eine neue globale Machelite.
Der Manager eines "hedge fund", einer Spezialfirma, die ihren Investoren über besonders intelligente, aber auch riskante Anlagekonstruktionen regelmäßig zwei- bis dreistellige Renditen verschafft, reist fünf- bis zehnmal im Jahr in die wichtigsten Markt- und Wachstumsregionen der Welt. Er meint: "Die aktuellen Daten hat jedermann im Computer, was aber zählt, ist die Stimmung, sind die unterschwelligen Konflikte. Und Geschichte, immer wieder Geschichte. Wer die Historie eines Landes kennt, kann besser vorhersehen, was bei akuten Krisen geschehen wird."
Man beachte die gefährliche Schraube: Die internationale Spekulation fördert in den labilen Staaten die sozialen Konfliktpotentiale, die etwa durch die Freisetzung von Arbeitskräften entstehen und nutzt dann wiederum ihr Insider-Wissen hinsichtlich dieser Konflikte für weitere Spekulationsgewinne aus.
Der Vater dieser neuen Kapitaltheorie, Friedman, sagt etwa: Erst die freie Fluktuation des Kapitals über alle nationalen Grenzen hinaus ermöglicht seine optimale Verwertung (Effizienz). Die Finanzmärkte sind zu den Richtern und Geschworenen jeder Wirtschaftspolitik geworden. Der Machtverlust für die Nationalstaaten sei nur gut. Verloren gegangen sei den Regierungen damit die Möglichkeit, ihre Macht durch überhöhte Steuern und inflationstreibende Verschuldung zu missbrauchen. Dies erzwinge gesunde Disziplin.
Ein Spezialproblem des amerikanischen Börsensystems hat im Jahre 2002 hybride Entwicklungen zum Einsturz gebracht. Die extreme Ausrichtung der Beurteilung von Unternehmen nach ihrem Börsenwert (Shareholder-Value-Philosophie), die über gewaltige Stock-Option-Programme auch das persönliche Einkommen der Manager aufs Engste mit dem Aktienkurs ihrer Unternehmen verbindet, führte über die Prozedur der "Performance"-Messung zur Ermittlung der Gewinnerwartungen anhand der Bilanzzahlen in Drei-Monats-Zyklen. Sowohl Bilanzfälschungen als auch das Dazukaufen von Umsatz mittels neuer Kredite waren die bedenkliche Folge. Mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der Konzerne verfielen die Kurse ihrer Aktien bei gewaltigen Verlusten für die oft kleinen Anleger.
Es gibt etwa 100 Standorte (Offshore-Finanzmärkte) über den Erdball verstreut, wo internationale Anlagefirmen Geld ihrer Kunden verwalten, das jeglicher Steuerkontrolle entzogen ist (Fluchtkapital). Dies ist ein weiteres, unkontrolliertes Element der internationalen Wirtschaftsprozesse.
Die folgende Figur 4 versucht, die skizzierten Zustände im Weltsystem grafisch zusammenzufassen. Das Zentrum, mit der global agierenden Instanz der Finanzmärkte deutlich verbunden, besteht aus hierarchisch gegliederten Staaten (S1, S2 usw.), die durch die "westlichen" Werte und Eigenheiten in sprachlicher, kulturell-religiöser und wirtschaftlicher Hinsicht bestimmt sind. Ein einzelner Nationalstaat wurde vorne in Figur 2 in seinen Einzelheiten dargestellt. Er besitzt, was in manchen Forschungsrichtungen, die auch Makro- und Mikroebenen verbinden, betont wird, interne Zentren und Peripherien. Das Zentrum beherrscht in sprachlicher, kultureller, wirtschaftlicher und politisch-militärischer Hinsicht die beiden anderen Staatengruppen, die wiederum in hierarchisch gegliederte einzelne Staaten zerfallen.
Die Staatengruppen we2 und we3 sehen sich dem enormen Würgegriff und einer Dominanz des Zentrums ausgesetzt und befinden sich zweifelsohne in einer strukturellen Abhängigkeit. Ihre Entwicklung ist überwiegend eine Reflexentwicklung. Werden diese Unterdrückungs- und Benachteiligungsstrategien voll sichtbar, mutet der offene Druck auf Übernahme der als überlegen erklärten
Zusammenfassung

"westlichen" Werte- und Zivilisationsstruktur sowie die arrogante Überlegenheitsdoktrin des Zentrums allein schon funktionell als äußerst zynisch an. Wie sollen Länder, die durch Dominanz anderer derart in ihrer Entwicklung behindert werden, die reale Möglichkeit besitzen, diese Transformation zu leisten? Dabei sehen wir noch von der uns beschäftigenden Frage ab, ob die Wertesysteme des Zentrums überhaupt die "evolutionären Universalien" darstellen, um eine Globalintegration der Menschheit zu gewährleisten.
Globalisierung als globale Integration der Weltgesellschaft soll nach der westlichen Evolutionsdoktrin darin bestehen, dass die anderen Systemgruppen we2 und we3 ihre bisherigen wirtschaftlichen, politischen, kulturell-religiösen und kommunikativ-sprachlichen Parameter in jene des Westens umwandeln und von diesen inhaltlich völlig und in allen Systemdetails, die wir vorne in Figur 2 darstellten, durchdrungen und getränkt werden.
Die Aufgabe, die wir uns am Beginn im Grundpan stellten, besteht im Gegensatz hierzu darin, die historischen Systemgruppen, die wir als we1, we2 und we3 bezeichneten und hier skizzierten, mit neuen, universalen Grundlagen menschlicher Gesellschaftlichkeit zu kontrastieren und zu konfrontieren, welche als Urbild der Menschheit einerseits inhaltlich völlig neue Grundlagen für die Weltgesellschaft darstellen, uns aber anderseits schlagartig klar machen, dass die Wertsysteme des derzeitigen westlichen hegemonialen Zentrums keineswegs die religiös-kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und sprachlich-kommunikativen Inhalte und Parameter für eine harmonische Integration aller Teilsysteme in einer globalen Weltgesellschaft bilden können. Sie sind, bildlich ausgedrückt, lediglich pubertäre Gesellschaftsmodelle von 18-Jährigen, die versuchen, noch jüngere Gruppierungen, die andere evolutionäre Mängel und Disproportionen besitzen, zu beherrschen und unter Druck zu halten, indem sie ihren kleinen Altersvorsprung schonungslos ausnutzen. Sie konstruieren aus ihrem wirtschaftlichen, politischen, religiös-kulturellen und kommunikativen Vorsprung die Legitimation für eine imperial-hegemoniale Vormachtstellung und ein Definitionsmonopol für alle evolutiven Varianten im Weltsystem, die sie noch dazu mit Arroganz – früher als Kolonialismus und heute als Postkolonialismus – über globale wirtschaftliche, kulturelle und kommunikative Steuerungsprozesse den übrigen Systemen aufzwingen.
Die Wertsysteme und dominierend ökonomischen Rationalitätsstrukturen der 18-Jährigen sind gerade nicht der Maßstab für die Entwicklung eines ausgewogenen Globalsystems. Festzuhalten ist, dass die hier neu vorgeschlagenen "evolutiven (Or-Om)-Universalien" innerhalb der Färbungen und vor allem Disproportionen, Verzerrungen, Einseitigkeiten, Hypertrophien und Pervertierungen der westlichen Zivilisationsstrukturen nicht einmal erkannt werden können, sondern dass, wie wir oben zeigten, es wissenschaftlicher Neuerungen bedarf, um das Tor zu diesen Perspektiven aufzustoßen. Bildlich gesprochen, sind die Sozialstrukturen des Westens zu flach und begrenzt, um die neuen Grundlagen zu fassen. Die sozialen, wirtschaftlichen, politischen, kulturell-religiösen und sprachlichen Ausformungen des Zentrums sind, wenn man sie mit der Sozialstruktur eines erwachsenen Systems vergleicht, eben der Pubertät entsprechend, in allen ihren Gliedern nicht aufeinander abgestimmt, in den Inhalten der einzelnen Glieder und ihrer Ausdifferenzierung teilirrig, vor allem sind bestimmte Glieder der Gesellschaftlichkeit überhaupt noch nicht entwickelt, und schließlich fehlt die Integration aller gesellschaftlichen Faktoren des Systems in die Urprinzipien der neuen Universalien. Es geht also nicht um eine Variation der bereits bestehenden, zu flachen sozialen Rationalitätsstrukturen des Westens, sondern um eine inhaltliche Vertiefung aller ausgebildeten Elemente und ihrer komplexen Beziehungen in einem neuen Gerüst. Durch diese Vertiefung in die Urprinzipien werden bisher nicht entwickelte Elemente neu erschlossen und alle bestehenden Elemente inhaltlich verändert und neu verankert.
Das Urbild und seine Ideen sind daher vom heutigen Sozialzustand qualitativ äußerst weit entfernt. Der 18-Jährige und seine jüngeren Geschwister erfahren erstmals, wie sie sich als Erwachsene verhalten sollten. In ihrer Jugendlichkeit werden sie die belehrenden Perspektiven vielleicht nicht verstehen wollen, werden sie in ihrer "Aufgeklärtheit" als reaktive, längst überholte phantastische oder verrückte Schwärmerei abtun und ablehnen. Im derzeitigen und künftigen Evolutionsprozess wird das Urbild daher nur langsam und zunehmend als Maßstab dienen. Auch der Umstand, dass nur gute, friedliche Mittel zur Veränderung und bei der Verbreitung zulässig sind, wird den Ansatz als "weltfremd" erscheinen lassen.
Da wir alle Teilsysteme der globalen Menschheit, we1, we2 und we3, gleichzeitig im Auge behalten, ergeben sich hier gleich einige heikle Fragen. Wie ist das Verhalten des Lehrers des Urbildes zu sehen, der den streitenden Schülern den Spiegel ihrer mangelnden Entwicklung vorhält? Handelt es sich um eine neue Art des Kolonialismus, wo der Überlegene mit Gewalt und Herablassung die "Untermenschen" einer primitiven Kultur und Lebensweise "höher bildet", womöglich wieder unter Vermischung mit seinen eigenen (verschleierten) kulturellen und politischen Interessen?[7] Ist es wieder der Duktus des Missionars, der, wie häufig die bisherigen Missionare, das bestehende kulturelle, politische und soziale Leben (z. B. das Leben der vorne gezeigten Alindu) zerstört? Ist diese Evolutionstheorie eine weitere Anmaßung der Aristokratie im Weltsystem, um, wie früher im imperialen Kolonialismus, die deklarierte Unterwertigkeit ganzer Völkergruppen und Rassen instrumentalisierend für Dominanz und Ausbeutung nutzbar zu machen? Eignet sich das Urbild etwa, wie es in den ehemaligen sozialistischen Staaten des Marxismus-Leninismus geschah, als diktatorische Zwangsdoktrin, um ganze Staaten und Völker in eine "glückliche Zukunft" zu prügeln? Wird hier nicht wieder ganzen Staatengruppen der Eindruck ihrer Unterwertigkeit, Primitivität und Zurückgebliebenheit vermittelt?
Dass dies nicht der Fall ist, zeigen einerseits die völlig neuen wissenschaftlichen Grundlagen, auf welche hier die Weltgesellschaft gestützt wird, zeigen aber andererseits vor allem die ethischen Maximen[8], die sie zur Verwirklichung ihrer selbst fordern.
Auf dem Schulhof dominieren die 18-Jährigen die Jüngeren durch ihre altersbedingte Überlegenheit. Die Lehrpersonen, welche ihnen diese neuen gegenseitigen und globalen Beziehungen vorschlagen, lehren sie gerade nicht durch gewaltsame Dominanz. Sie lehren nicht eine bestimmte Gruppe neue, womöglich verfeinerte, Herrschaftsmechanismen anzuwenden, sondern versuchen Vorschläge zu machen, wie sie sich alle in allen ihren Beziehungen trotz des Altersunterschiedes zu einer reifen Gruppe zusammenschließen können (universalistische Evolution unter Überwindung der Evolutionsdifferenzen und unter Einsatz einer koordinierten gemeinsamen Evolutionsdynamik).
Ist die Lehre eurozentristisch? Ist sie wiederum ein Kind der von den Entwicklungsländern so verachteten westzentrierten Überlegenheitsdoktrinen? Unterliegt sie auch dem Verdikt Derridas, wonach die Strukturen westlicher Rationalität rassistisch und imperialistisch sind? Handelt es sich im Sinne der postkolonialen, poststrukturalistischen und interkulturellen Theorie um einen unzulässigen Universalismus, der wiederum ungerechtfertigt eine ideale gemeinsame Sprache der menschlichen Rationalität imperial postuliert. Interpretiert sie die Evolution des Weltsystems in den Kategorien euro-amerikanischer Evolutionstheorien, die als Instrumente der Bevormundung und Unterdrückung anderer Gruppen dienten? Ist sie ein Kind der humanistisch-idealistischen Aufklärung Europas, welche das Andere als deviant, inhuman und unmündig darstellt und sich letztlich als totalitär erweist, weil sie das Andere unterjocht und Differenzen bewusst verschüttet? Das Urbild ist nicht eurozentristisch, sondern (or-om)-menschheitszentristisch. Seine Rationalitätsstrukturen überschreiten jene der europäischen Aufklärung, welche u. a. Instrumente des Kolonialismus wurden. Gerade weil das Urbild mit seinen neuen Perspektiven alle Evolutionsideologien des Euro-Amerika-Zentrismus überschreitet und eine grundlegende Transformation des Weltsystems insgesamt anregt und rechtlich fundiert, ist es bisher wenig beachtet worden und wird auch derzeit im Wissenschaftsbetrieb nicht leicht Eingang und Anwendung finden. Wo es im Weltsystem letztlich seine soziale Wirkung am stärksten entfalten wird, bleibt ungewiss.
Die feministische Theorie könnte fragen, ob dieses Urbild nicht wiederum ein androzentrischer männlicher Gerichtshof der Vernunft sei. Ist es wiederum eine Gestalt menschlicher Vernunft, die selbst eine Instanz von Herrschaft darstellt? Erhält sie weiterhin die Grundstruktur der androzentrischen Vernunftkonzepte? Wird hier nicht wieder nur im Namen eines universellen Subjektes eine kognitiv instrumentell vereinseitigte Vernunft entfaltet? Ist das Urbild, zumal wir uns jetzt schon in einem postmodernen Dekonstruktivismus befinden, nichts anderes als die Rückkehr einer konservativen Essentialisierung? Wir werden versuchen zu zeigen, dass die hier entwickelten Begriffe der göttlichen Rationalität keineswegs autoritäre androzentrische Vernunftkonzepte fortsetzen. Schon vorne erwähnten wir bei den 5 Arten der Erkenntnisschulen, dass eben alle bisherigen – auch metaphysischen – Rationalitätsentwürfe sich als teilirrige Lösungen erweisen, die durch eine neue, nicht mehr androzentrische Struktur bestimmt sind. Eben damit entfernt sich dieses neue Konzept weit von den etablierten männlichen Gerichtshöfen der Vernunft, deren Positionen in vieler Hinsicht zu Recht in der feministischen Theorie kritisiert und demontiert werden.
Schließlich könnte man fragen, ob die hiesigen Ausführungen eine Sekte begründen, die Vertreter dieses Systems also in sektiererischer Weise eine Durchsetzung und Verbreitung derselben anzustreben hätten. Das wäre etwa mit der Vorstellung vergleichbar, dass alle Vertreter des pythagoreischen Lehrsatzes oder des "Baumes der geraden Linie" in Anhang 1 Anhänger einer Sekte seien. Die Lehre kann nur durch eigene Einsicht und Prüfung angenommen werden, nicht durch Zwang, Gewalt und Unduldsamkeit. Gegenüber allen anderen wissenschaftlichen Positionen besteht eine friedlich-kritische Haltung, da sich diese anderen Positionen bekanntlich als teilirrig und einseitig betonend erweisen. Lediglich ihre friedliche Weiterbildung ohne Zwang, List, Betrug und ohne andere "unmoralische" Mittel wird angeregt. Wenn man unter Doktrin eine durch Zwang gesellschaftlich erzwungene Einführung einer Ideologie versteht (z. B. Marxismus-Leninismus, rassischer Nationalsozialismus u. ä.), kann die Wesenlehre niemals eine Doktrin sein.
Differenzierung der Evolutionstheorien
Wenn, wie hier behauptet wird, die Wesenlehre eine völlig neue Entwicklungsidee für Wissenschaft, Kunst und letztlich Politik und Wirtschaft liefert, dann ergibt sich daraus, dass auch die Theorie über die menschliche Entwicklung neu zu fassen ist. Wenn nämlich die bisherige Wissenschaft die neuen Grundlagen der göttlichen Rationalität nicht erkannt hat und nicht enthält, dann müssen auch alle ihre Evolutionstheorien mangelhaft gegenüber jener Entwicklungslehre sein, die sich aus den göttlichen Kategorien ergibt. Die bisherigen Evolutionstheorien, die wir im folgenden skizzenhaft und in Übersicht erwähnen, können dann nur teilirrige Segmente in dieser neuen, anders strukturierten Auffassung über die menschlichen Entwicklungshorizonte darstellen, die vorne in den Grundzügen geschildert wurde.
Mit Sicherheit hat jedes soziale System aus seiner inneren Logik heraus oder gemäß der Art, wie in ihm die Uhren gehen, seinem Entwicklungsstand entsprechende Auffassungen über die Entwicklung. So wird im animistischen System der Alindu, das wir vorne streiften, grundsätzlich eine statische Dynamik bestimmend sein. Die Grundstrukturen zwischen Kosmos und Gesellschaft müssen heil erhalten werden. Jedes Individuum ist im Rahmen der Seelenlehre teilweise die Inkarnation eines Ahnen, es besteht also ein zirkulärer Wechsel der tribal formulierten Seelengruppen. Der soziale Wandel erfolgt innerhalb klarer Korrespondenzen zwischen Kosmos und Stamm. Im traditionellen indischen Kastensystem erfolgen die Reinkarnationen der Gesellschaftsmitglieder nach karmischen Bedingungen innerhalb der unveränderbaren Kasten. Im Transformationsprozess Indiens werden derartige Evolutionsthesen von den "offeneren", westlichen, "moderneren" überlagert und mit ihnen vermischt. In den sozialistischen Staaten gab es zeitweise nur eine einzige Entwicklungstheorie des dialektischen und historischen Materialismus. In einem westlichen Nationalstaat, wie wir ihn in Figur 2 darstellten, hat sich im Bereich der Wissenschaft eine beinahe schon unübersichtliche Vielfalt von Entwicklungstheorien über die Differenzierung des eigenen und anderer Systeme gebildet. Die einzelnen individualisierten Richtungen werden teilweise in neuen Verbindungen und Verschränkungen zusammengefasst, Makro- und Mikrotheorien versucht man in eine Gesamtheit zu bringen. Zwischen den einzelnen Schulen gibt es einen Konkurrenzkampf und eine ideologisierende Verteilung der Schulen kann nicht übersehen werden.
Modelski[9] hat eine Systematik versucht, die hier als Beispiel "westlicher" Differenzierung der Evolutionstheorien dienen soll.
I. Darwinismus und Neo-Darwinismus
Darwin, Hofstadter, Huxley, Parsons, Waddington, Stanley, Ruse, Dobzhansky, Chaisson, Mayr, Dennet.
II. Evolutionismus
Comte, Spencer, Kropotkin, Sanderson.
III. Evolutionäre Theorie
Roe/Gaylord, Wilson, Mayr, Gould, Boulding, Boorman/Levitt, Barash, Corning, Morris, Nitecki, Pollard, Lasszlo, Wright, Ayres, Smith/Szathmary.
IV. Evolutionäre Erkenntnistheorie
Campbell, Popper, Parijs, Sober, Callebaut, Hull, Elster.
V. Evolutionäre Soziologie und Lernen
Childe, Pringle, Campbell, Habermas[10], White/Losco, Masters, Schubert, Scott, Masulli, Sanderson, Arnhardt.
VI. Kulturelle Evolution
White, Parsons, Bonner, Boyd/Richardson, Barash, Csanyi, Durham, Rambo, Wilson/Sober.
VII. Evolutionäre Wirtschaftstheorien
Schumpeter, Alchian, Mensch, Boulding, Nelson/Winter, Hirshleifer, Mokyr, Ostrom, Hodgson/Scepanti, Witt, Poznanski, Murell, Anderson, England.
VIII. Evolutionäre Weltpolitik
Bagehot, Veblen, Haas, Modelski, Adler, Gaddis, Richards, Zacher/Mathhew.
IX. Evolutionäre Spieltheorie
Smith, Axelrod, Boyd, Hines, Goldberg, Bender, Fogel.
X. Komplexitätstheorie
La Porte, Gottinger, Book, Gleick, Anderson, Bonner, Dyke, Yates, Waldorp.
Diese Aufstellung ist sicherlich unvollständig. Die marxistischen Ansätze sind eher ausgeklammert. Weiterhin fehlen eine Reihe von erkenntnistheoretischen Annäherungstheorien hinsichtlich der Evolution von Wahrheit. Es bedürfte eines eigenen Buches, um alle diese Theorien mit der Evolutionstheorie der Wesenlehre kritisch zu verbinden.
Inwieweit erweisen sich die geschilderten Theorien nach der vorne erwähnten Evolution der Erkenntnisschulen als mangelhaft?
a) Sie gehören selbst den Erkenntnisschulen (1) – (4) an und erreichen damit nicht die Evolutionsstufe der Erkenntnisschule (5), welche die Begründung der Wissenschaft an und in der unendlichen und unbedingten göttlichen Wesenheit vollzieht.
b) In der Unendlichkeit Gottes sind die Gesetze der Entwicklung des Lebens endlicher Wesen gegenüber bisherigen Evolutionstheorien neu erkannt.[11]
c) Aus der Grundwissenschaft ergeben sich für die Evolution menschlicher Gesellschaften neue Perspektiven, die in den bisherigen Evolutionstheorien, welche früheren Evolutionsniveaus angehören, nicht erkannt wurden und nicht erkannt werden konnten.
Daraus ergeben sich auch die Mängel der bisherigen theoretischen Weltsystemdebatte.
Eurozentrismus versus Reorientierung in der Weltsystemdebatte
Die Weltsystemdebatte, ein Spezialgebiet der Evolutionsproblematik, besitzt im groben Überblick heute nach Ulrich Menzel[12] vier Positionen:
a) Klassische eurozentrische Position
Sie wird etwa von Eric Lionel Jones, David Landes, John A. Hall vertreten und steht in der Tradition der europäischen Aufklärung. Sie geht von einer, je nach Autor unterschiedlich gewichteten, einzigartigen Konstellation naturräumlicher, politischer, sozialer und vor allem geistiger Faktoren in Europa aus, die dazu führten, dass wahlweise etwa seit dem Jahre 1000, seit der "Krise des Feudalismus", seit der Renaissance, seit der Reformation oder seit der Aufklärung entweder in Großbritannien zuerst und allein oder in Teilen Westeuropas ein alle gesellschaftlichen Dimensionen erfassender "großer Transformationsprozess" stattgefunden hat, der zu einem essentiellen Entwicklungsvorsprung gegenüber allen anderen Weltregionen führte.
Nach Landes ist die treibende Kraft der Weltgeschichte seit etwa 1000 Jahren die westliche Zivilisation mit ihren technischen, geistigen und institutionellen Errungenschaften. Unter den hier herrschenden Entwicklungsbedingungen (frühzeitige Überwindung der Scholastik, Trennung von Kirche und Staat, Durchsetzung der empirischen Beobachtung) bestand schon vor der Reformation ein idealer Nährboden für die spätere Entwicklung, während die zentralistischen und bürokratischen orientalischen oder altamerikanischen Großreiche trotz ihrer beachtlichen zivilisatorischen oder sogar technischen Höchstleistungen die freie Entfaltung des Individuums, des Unternehmertums, des Innovationsgeistes, der systematischen naturwissenschaftlichen Forschung (Erfindung der Erfindung) und deren industrielle Umsetzung behinderten oder ganz unterdrückten.
Die weitere Entwicklungsgeschichte wird als Diffusion des westeuropäischen Modells in andere Regionen der Welt interpretiert. Die mit Kolonialismus und Imperialismus erfolgende internationale Arbeitsteilung habe doch letztlich durch Prozesse der freiwilligen oder unfreiwilligen Diffusion der westlichen Ideen, der westlichen Technik und ökonomischen und politischen Staats- und Verwaltungsprinzipien, des Erziehungswesens, des westlichen Lebensstils positiv gewirkt und die systemimmanente Stagnation asiatischer, halbasiatischer, afrikanischer und altamerikanischer Produktionsweisen und Despotien aufgebrochen.
Das westliche Modell habe einen universalistischen Anspruch, könne daher von allen anderen durch "Verwestlichung" übernommen werden.
b) Revisionistische eurozentristische Position
Sie wird vor allem von der Wallerstein-Schule, von Samir Amin, dem frühen André Gunder Frank und Frances V. Moulder vertreten. Die Entstehung des Kapitalismus wird auch hier in Europa etwa im 15. Jahrhundert lokalisiert, wobei aber nicht die internen geistigen und sozialen Antriebe die Transformation herbeigeführt hätten, sondern die externe ökonomische Rahmensetzung, nämlich der Fernhandel, die Etablierung einer internationalen Arbeitsteilung, die europäische Welteroberung, die anfängliche Plünderung und spätere Ausbeutung der Kolonien und der daraus resultierende Ressourcentransfer nach Westeuropa. Der westeuropäische Entwicklungsvorsprung resultiere jedenfalls erst aus dem Kontakt mit Afrika, Amerika und Asien und war nicht schon vorher gegeben. Kolonialismus und internationale Arbeitsteilung seien demzufolge auch die wesentlichen Ursachen von Entwicklungsblockaden und Unterentwicklung. Die negativen Effekte des Kolonialismus werden in den Vordergrund gestellt. Die Weltgesellschaft wird bei Wallerstein durch eine Hierarchie gekennzeichnet, welche in die Großregionen Zentrum, Halbperipherie und Peripherie gegliedert ist. Auch hier gibt es das diffusionistische Argument, aber in einer Variante der Dependencia-Theorie, wonach die ehemaligen Kolonien und andere Staatengruppen durch die Traditionen der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Zentrum in ihrer Entwicklung gehemmt seien.
c) Asienzentrierte Position
Sie wird etwa von Janet Abu-Lughod, K. N. Chauduri, Anthony Reid oder Warren I. Cohen und Kenneth Pomeranz vertreten. Sie orientiert sich zwar auch an einem weltsystemtheoretischen und damit globalistischen Ansatz, leugnet aber die Einzigartigkeit und Besonderheit des modernen Weltsystems westlich-kapitalistischer Prägung. Es habe auch schon im alten Orient, also im arabisch-indisch-chinesi-schen Raum, ein Weltsystem – nicht nur Weltreiche – im Sinne einer Weltwirtschaft durch Fernhandel und internationale Arbeitsteilung gegeben. Für Indien und China werden für bestimmte Zeiträume durchgängig – besonders in wissenschaftlich-technischer und kommerzieller Hinsicht – Entwicklungsniveaus konstatiert, die denen Europas zur Zeit der Renaissance weit überlegen waren und auch lange danach noch behauptet wurden. Erst die industrielle Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts ließ den asiatischen Vorteil dahinschmelzen. Der Verlust der Dominanz dieser Weltsysteme sei nach dieser Position vor allem durch innerasiatische, im Besonderen isolationistische Tendenzen eingetreten. Einem orientalisch dominierten Weltsystem sei daher ein europäisch dominiertes gefolgt, das durchaus auch wieder von einem asiatisch dominierten abgelöst werden könnte. Es handelt sich hier also nicht um die positiv oder negativ gewendete Vorstellung eines einzigartigen Diffussionsprozesses globaler Reich-weite, der von Westeuropa ausgegangen ist, sondern um eine revisionistische Diffusionsthese (mit eher regionaler Reichweite), insofern solche Prozesse nicht nur exklusiv von Europa, sondern auch von Asien oder anderen Regionen ausgegangen sind und in Zukunft auch wieder ausgehen könnten.
Die Argumente von Pomeranz und der "Californian School" laufen etwa darauf hinaus, dass man in der Wirtschaftsgeschichte zwischen der "Welt" Asien und der "Welt" Europa bis zur industriellen Revolution wenig Unterschiede findet.
Nach diesen Ansätzen stehen wir am Beginn eines asiatisch dominierten Weltsystems, nicht durch Diffusion aus dem Westen, sondern durch innergesellschaftliche Transformationsprozesse. Der Westen gerät aus innerge-sellschaftlichen Gründen (American Decline und Eurosklerose) unter wachsenden Druck und hätte seinen Zenit schon überschritten.
d) Radikal globalistische Position
Vertreten durch den späten André Gunder Frank und Barry Gills, die sich wiederum auf Blaut, aber auch Abu-Kughod, Chauduri u. a. stützen. Demzufolge soll bereits seit 5000 Jahren ein einziges Weltsystem existieren, dessen Zentrum sich in Jahrhunderte langen zyklischen Bewegungen um die Welt bewegt. Damit relativiert sich auch die prägende Kraft besonderer oder gar exklusiver europäischer Errungenschaften, seien sie geistiger, institutioneller oder technischer Art. Die Gesellschaften und Großregionen der Welt sind einem ausschließlich extern bedingten Auf und Ab ausgesetzt, ihr Status im Weltsystem wird durch die relative internationale Konkurrenzfähigkeit und die damit verbundene Positionierung in der internationalen Arbeitsteilung bestimmt. Die Position in der Hierarchie des Weltsystems wird durch die Zahlungsbilanz bestimmt. Nur noch globalen Handelsbeziehungen wird eine entwicklungsdeterminierende Funktion zugebilligt, während innergesellschaftliche Transformationsprozesse fast völlig ausgeblendet werden. Der Begriff Kapitalismus erscheint daher als ein quasi zeit-loses Phänomen und damit eine gesellschaftstheoretisch sinnentleerte Kategorie. Unsere überkommene Sicht der Weltgeschichte und die ihr zu Grunde liegenden Großtheorien seit der Aufklärung bis hin zu Braudel, Kindleberger, Modelski/
Rasler/Thompson, Landes, Jones, Kennedy und Wallerstein, die alle implizit den Zeitraum um 1500 als großen Einschnitt ansehen, seien das Produkt eines ideologischen Eurozentrismus, an dessen Stelle eine wirklich globale, eine "menschheitszentrierte" Perspektive zu stellen sei. Auch nach dieser These stehen wir am Beginn eines asiatisch dominierten Weltsystems.
Das westliche System des Zentrums (we1)
Wenn wir die vorne erwähnten Entwicklungsgesetze der Wesenlehre auf die Inhalte dieser Debatte anwenden, haben wir als Erstes eine Charakterisierung des westlichen Zivilisationsmodells nach den Kriterien der Evolutionsphasen durchzuführen. Was ist also unser Maß für die Beurteilung von Evolution? Es sind die Grundrisse der menschlichen Gesellschaftlichkeit, wie sie sich aus der Grundwissenschaft ergeben. Erst wenn man weiß, wie die geistigen und körperlichen Zustände eines Erwachsenen gebaut sind, kann man die Zustände und das Verhalten eines Menschen beurteilen, der noch im Wachstum steht und noch nicht seine volle Reife erreicht hat.
Die umseitige Tabelle gibt ein Gerüst für den Aufbau einer reifen, globalen Menschheit.
Jedes Element von 1) – 4) ist mit jedem anderen Element 1) – 4) kombinatorisch vollständig, inhaltlich und funktionell in Verbindung und Bestimmung zu sehen.
Daraus ergibt sich, dass die westlichen Industrieländer (bildlich als 18-Jährige bezeichnet) sich überwiegend in den Phasen II. HLA, 2 und II. HLA, 3 sowie in Überschneidungen b (mit progressiven und reaktiven Kräften) befinden. Schon das in Figur 2 entwickelte Modell eines Industriestaates zeigt die enorme innere Differenzierung einzelner Systeme und Unterebenen, die relative Autonomie der Ebenen und die Komplexität der Balancen zwischen allen Faktoren.
Aufbau der globalen Menschheit im "Urbild" (Pf 03)
| Menschheitsbund
|
| 1) Grund-
personen
|
2) Tätigkeiten |
3) Grund-
formen
|
4) Äußere
Geselligkeit
|
| Erdmenschheit |
Wissenschaft |
Rechtsverein (Staat),
polit. System, Gesetzgebung,Verwaltung, Gerichtsbarkeit
|
Verein der Menschheit mit Gott |
| Verein von Staaten (Völkern) |
Kunst |
Religion |
Verein der Menschheit mit der Natur |
| Staat (Volk,
Nation),
Minderheiten
|
Verein von Wissenschaft und Kunst;
Unterglieder:
Wirtschaft, Technik,
Kommunikationsform
|
Tugend (Ethik) |
Verein der Menschheit mit Geistwesen |
| Stammverein |
|
Schönheit (Ästhetik) |
Verein der Menschheit mit Verein von Geistwesen/Natur |
| Stamm,
Tribalismus
|
Erziehung |
|
Verein der Menschheit mit Verein Urwesens mit Verein von Geist und Natur |
| Familienverein,
Großfamilienverbände
|
|
|
|
| Freie Geselligkeit, Gruppen, Vereine |
|
|
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| Freundschaft |
|
|
|
| Familie |
|
|
|
| Einzelmensch,
Mann, Frau
|
|
|
|
Wir führen hier nochmals die Differenzierung der 4 Ebenen an:
1.1 Religion – Kultur – Technologie – Wissenschaft – Kunst
1.2 Sprache – Kommunikation – Medien
1.3 Wirtschaft
1.4 Politik – Recht (Verfassung, Verwaltung, Gerichtsbarkeit) – Ethik
Die Unterbereiche einer jeden Ebene sind ebenfalls enorm weiter differenziert. Zu beachten ist, dass die Unterbereiche selbst in weitere Einheiten ausgefächert sind, die jeweils Teilrationalitäten vertreten (hohe Individualisierung und Autonomisierung der Systemfaktoren). So sind etwa die Wissenschaft, die Kunst, die Politik, vor allem die Wirtschaftspolitik nach Ideologiemilieus oder Interessenslagen, mit Konfliktpotentialen gegeneinander positioniert. Die Auseinandersetzung zwischen Wirtschaft, Gewerkschaften und dem parteipolitisch bestimmten Regierungskurs einer Koalitionsregierung sei als Beispiele genannt. Ähnliche Konflikte gibt es im Kunst- und Wissenschaftsbetrieb. Damit entsteht ein über relative Gleichgewichtszustände streitender Partialrationalitäten hergestellter fragil-stabiler, hochkomplexer Gesamtzustand des Systems, der noch dazu durch externe Faktoren wie die internationale Konkurrenzlage der Wirtschaft, die Zustände der Finanzmärkte und internationale Konflikte beeinflusst wird. Die administrativen Steuerungspotentiale und -erfordernisse dieser differenzierten und durch Konfliktpotentiale geprägten Gleichgewichtszustände nehmen ständig zu, die Administrationen sind jedoch selbst Teil des Systems und daher im fragilen Gleichgewicht selbst ein Faktor. Einschneidende Änderungen der Systemdaten über Neuerungen erweisen sich angesichts dieser hohen Komplexität und der Differenzierung der Gleichgewichtszustände der Ebenen und ihrer Untersysteme als äußerst schwierig, weil das "Drehen an einer Schraube des Systems" alle anderen Faktoren im Gleichgewichtszustand mitbeeinflusst und daher extreme Reformen die Stabilität des Gesamtsystems in Gefahr bringen oder die politische Landschaft in Richtung auf die Entwicklung radikaler Links- oder Rechtsideologien hin verändert. Die hohe Sensibilität und Fragilität dieser Balancen im System sind daher zu Recht als eine der größten Bedrohungen dieser westlichen Systemtypen erkannt worden.
Der Vergleich mit den Strukturen des Urbildes zeigt Asymmetrien, Hypertrophien, Krankheiten, Auswüchse, Mängel, Unterentwicklungen bestimmter Faktoren. Schon im System selbst werden bestimmte Erscheinungen als Schattenseiten erkannt. Ein maßgeblicher Anteil der Lebensqualität der Industrieländer des Zentrums ist mit einer historisch gewachsenen und sich verändernden, erzwungenen Abhängigkeit, Ausnutzung, Unterdrückung, Ausbeutung anderer – weniger entwickelter – Systeme verbunden, die wir oben skizzierten. Ein Teil des Entwicklungsvorteils ist daher durch die Ausnutzung der "Schwächen" von Halbperipherie und Peripherie, etwa in Kolonialismus und Postkolonialismus, erreicht worden. Die Entwicklungsrichtung der betroffenen "jüngeren" Systeme ist in der Phase der Abhängigkeit maßgeblich in einer durch die Interessen der dominierenden Staaten geprägten Weise deformiert und präformiert worden, die auch nach dem Ende der Dominanz eine ausgewogene autonome Entwicklung äußerst erschwert und belastet. Durch die derzeitige kontrollierende Omnipräsenz der Staaten des Zentrums in den von ihnen einseitig geprägten universalisierten Wirtschafts- und Finanzstrukturen erscheint eine "echte" autonome Entwicklung der anderen Systemtypen nicht möglich. Diese Mechanismen sind integraler Bestandteil des Wohlstandsmodells der Industriestaaten.
Die Lebenswelt des Einzelnen in der Schicht, die Autonomiegrade der Persönlichkeiten (Männer, Frauen, Kinder), die Differenzierung der Identitätsprofile sind grundsätzlich in den Industriestaaten in einer in der bisherigen Geschichte nicht erreichten Form durch die Rechtsordnung zumindest formal abgesichert und gewährleistet. Vor allem die Grund- und Freiheitsrechte ermöglichen, natürlich nicht für alle im selben Ausmaß, Entwicklungs- und Äußerungsmöglichkeiten. Der Komplexität und damit persönlichen Undurchsichtigkeit des Systems entsprechend, ist die Identität des Einzelnen ebenfalls komplex und enthält u. U. eine Vielzahl von teilweise inkompatiblen Elementen, was zum Begriff der postmodernen Patchwork-Identität oder der Theorie der postmodernen Persönlichkeit führte. Nicht alle Menschen im System haben die gleiche Möglichkeit der Ausbildung einer balancierten vielschichtigen Persönlichkeit. Die im Schichtsystem sichtbare strukturelle Diskriminierung bedingt erhebliche Benachteiligungen der unteren Schichten und vor allem der als neue Unterschichten lebenden Migrantengruppen, deren Identitätsmilieus als äußerst schwierig und belastet zu gelten haben.[13] Die erhöhte Autonomisierung im Rahmen des Prinzips der Selbstverwirklichung bringt einerseits Erweiterungen der Persönlichkeitsprofile, bedingt aber umgekehrt Isolationsgrade des Einzelnen, die in anderen Systemtypen, in denen teils autoritär erzwungene, teils durch die ökonomischen Notwendigkeiten erforderliche Solidaritäten in (Groß-)Familien weiterhin bestehen, nicht denkbar wären. Die Single-Kultur und die Labilisierung der Familienverbindungen mit der Ausbildung von Patchwork-Familien und alleinerziehenden Elternteilen sind ebenso Indikatoren dieser Entwicklung wie etwa das Schlagwort von der "Entsolidarisierung". Dieser Systemtyp hat seine Formen der sozialen Verwahrlosung, die sich von den aus ganz anderen Bedingungen stammenden Arten der Verwahrlosung in den armen Entwicklungsländern unterscheiden. Die Supermarktideologie als Logik der Postmoderne stellt in vielen Bereichen der Gesellschaft – ähnlich wie am Warenmarkt – lediglich unverbindliche
Identifizierungsangebote zur Verfügung, unter denen der "mündige" Bürger selbst zu wählen hätte.
Die enormen Integrationsprozesse, etwa im Rahmen der EU-Osterweiterung zweifelsohne wichtige Schritte im Sinne der Bildung der im Urbild vorgesehenen kontinentalen Staatenbünde[14] oder Bundesstaaten, bilden für die betroffenen Staaten stabilisierende Momente, die Abschottung dieser Gruppierung von den anderen Systemtypen (Festung Europa) erhöht aber die äußere Bedrohung und die Entwicklung von Krisen.
Innere Fragilität und äußere Bedrohung infolge der teils elenden Zustände der übrigen Systemtypen im Weltsystem lassen die Frage entstehen, ob die innere Logik und Flexibilität der westlichen Industriestaaten und ihrer aristokratischen Herrschaft in der Lage sein werden, diese Ungleichgewichte im Weltsystem durch eine Rücknahme der Eigeninteressen auf friedliche Weise in einen stabileren Gesamtzustand für alle Teilsysteme umzugestalten.[15]
Was bedeuten diese Analysen für die 4 Positionen in der Weltsystemdebatte? Im Sinne der Evolutionslogik der Wesenlehre erscheint das westliche System als differenzierter und nach den Evolutionsparametern als weiter entwickelt als die beiden anderen Typen. Daraus wird aber keineswegs eine grundsätzliche Überlegenheit des 18-Jährigen gegenüber Jüngeren abgeleitet. Ein Altersunterschied ist kein Qualitätsunterschied, der Überlegenheitsdenken rechtfertigt. Im Gegenteil: Die von uns geschilderten Systemdaten des 18-Jährigen weisen auch gewaltige Evolutionsmängel für sein Stadium auf, die keineswegs immer bei der Entwicklung einer Menschheit auf einem Planeten in den Stadien II. HLA, 2 und II. HLA, 3 notwendige Durchgangsstadien bilden müssen. Der Vergleich der Systemdaten mit den Zuständen einer reifen Menschheit im III. HLA zeigt vielmehr, in welchem Ausmaß das System der Industriestaaten schwere Entwicklungsmängel aufweist. Und gerade dieses System soll den jüngeren Geschwistern als Vorbild dienen können?
Im System der Industriestaaten begegnet man heute dem Gedanken, dass dieses zwar noch nicht die Menschheit repräsentiere, aber universeller eingestellt sei als Territorial- oder Nationalstaaten. Dem Zivilisationsmodell wird daher bereits ein sehr hoher Grad an Universalität zugesprochen, der ihm aber offensichtlich bei Beachtung der Dominanzstrukturen im Weltsystem keineswegs zukommt.
Varianten:
* Die Menschheit entwickelt sich unter allmählicher Einführung der Prinzipien des Urbildes derart weiter, dass alle drei Systemtypen sich allmählich in der neuen Struktur integrieren und ausgleichen. Es ist dies die optimale "(or-om)-menschheitszentrierte" Möglichkeit der globalen Integration.
Es kommt allmählich zur Bildung kontinentaler Staatenbünde oder Bundesstaaten (Völkervereine), ohne dass die maximale Individualität der Einzelstaaten (S1, S2 usw.) aufgehoben würde. Schließlich integrieren sich diese Bundesstaaten oder Staatenbünde in einem Weltstaat, der Teil des Menschheitsbundes gemäß der umseitigen Grafik ist.
Diese Variante erscheint derzeit, im Jahre 2003, nicht sehr realistisch, weil noch viel zu wenige Wissenschafter und Politiker diese Ideen als Evolutionsparameter anerkennen und umzusetzen gedenken und weil auch das strikte Gebot der friedlichen Umsetzung dieser Ideen derzeit abwegig erscheint. Dieser Weg der Entwicklung könnte aber nach der kritischen Erschöpfung der im folgenden geschilderten Varianten sehr wohl bessere Möglichkeiten vorfinden.
* Die anderen