
Der Umgang mit Krauses Metaphysik in Deutschland
Peter Nurten
Motto:
"und es würde daher ein unbefugtes Verfahren sein, die von mir gebrauchten Wörter nach dem Wortgebrauche irgend eines anderen Systemes, z.B. des Kantischen, Fichtischen, Hegelischen, oder Krugerischen auszulegen; denn dadurch würde in vielen Hauptlehren der Sinn meiner Rede verfehlt oder entstellt werden. Ich spreche mit Fug für mich dasselbe Recht an, welches jedem selbständigen Wahrheitsforscher gebührt: den wissenschaftlichen Redegebrauch nach eigner Einsicht zu bestimmen, und nur danach ausgelegt zu werden."
In Spanien spielte die Philosophie Krauses als Krausismo seit 1850 eine bedeutende Rolle. Auch heute noch erscheinen minutiöse Studien zu seiner Philosophie (z.B. Rafael V.Orden Jimenéz: El sistema de la filosofia de Krause http://www.filosofia.org/mon/krau/k1998roj.htm ). Institute beschäftigen sich mit Krause, mit dem Krausismo und seiner Aktualität. Man kann geradezu sagen, dass ein spanischer Philosoph die bisher wichtigste und gründlichste Biografie Krauses vorlegte:
<>Enrique M. Ureña: K.C.F.Krause. Fromann-Holzboog. Stuttgart. 1991
Vom selben Autor stammt die genaueste Rekonstruktion der bisherigen Wirkungsgeschichte der Krauseschen Philosophie in Deutschland bis 1881.
<>Enrique M. Ureña: Philosophie und gesellschaftliche Praxis. Wirkungen der Philosophie K.C.F.Krauses in Deutschland (1833-1881). Fromann-Holzboog. Stuttgart. 2001
<>Folgende Werke Krauses finden sich im Internet:
<>Unter http://www.internetloge.de/krause/krurbild.pdf : "Das Urbild der Menschheit" Ausgabe 1851
Unter http://www.internetloge.de/krause finden sich eine Reihe von Artikeln, welche evolutive Aspekte der Wesenlehre vorstellen und mit Zeitbezügen verbinden.
<>Unter http://www.philosophiebuch.de/ werden laufend durch das "KRAUSE DIGITAL RESEARCH PROJECT" Werke Krauses digital zu äußerst günstigen Preisen zur Verfügung gestellt. Die digitale Erfassung aller Krause-Werke ist geplant.
In Deutschland beginnt erst seit einer Tagung in Hofgeismar November 1981 eine etwas intensivere, neuerliche Beschäftigung mit der Philosophie Krauses. Hier ist zu prüfen, in welchem Ausmaße hierbei die gesamten evolutionslogischen Potenziale der Wesenlehre erschlossen werden. Erfolgt bei dieser neuerlichen Belebung des Ansatzes eine Verzerrung durch die Sicht der Brillen anderer Denker (z.B. Hegel) oder durch die Übersetzung in zeitgenössische Terminologie und Reformulierung seiner Positionen eine Relativierung oder gar Verengung seiner Grundwissenschaft, welche im Vorhof gleichsam das Tor zu den tieferen Bereichen seines Denkens verschließen, oder ist die sanfte Einführung seiner Metaphysik und ihrer Konsequenzen für einzelne Wissenschaften, etwa die Rechtsphilosophie, gleichsam die Öffnung des Vorhofes, durch welchen man selbst weiter in die inneren, unendlich mal unendlichen Sphären der Grundwissenschaft eintreten kann?
Wir stellten uns die Frage, ob unsere hier angebrachten konstruktiv kritischen Anmerkungen dem sich eben erst zart bildenden Pflänzchen der Neubelebung Krauses schädlich sind und dessen Wachstum fördern oder hemmen würden. Wir meinen aber, dass die ihm verabreichten Zusatzstoffe seinem Wachstum nur förderlich sein können und hoffen auf eine entsprechende Aufnahme bei den Protagonisten wie auch den Lesern.
Da in den folgenden Ausführungen immer wieder auf die logischen Implikationen der Wesenlehre hingewiesen wird, bilden die unter http://www.internetloge.de/krause/krlogik.pdf erarbeiteten Beziehungen zwischen Or-Om-Logik und zeitgenössischer formaler Logik eine wichtige Grundlage.
Im folgenden werden Beiträge zu Krause nicht behandelt, welche die Möglichkeit einer metaphysischen Wissenschaftsbegründung völlig ausschließen.
1. Klaus-M. Kodalle
Grundlage bildet sein Aufsatz:
Gewißheit als absolutes Wahrheitsereignis: Das Konzept der »Wesenschau« in der Metaphysik Karl Christian Friedrich Krauses, in: Karl Christian Friedrich Krause (1781-1832). Studien zu seiner Philosophie und zum Krausismso. Hamburg. 1985
"I. Eingangsüberlegungen zur Wahrheitsfrage
Ich markiere zwei Betrachtungsweisen in gegenwärtiger Philosophie. Stichworte sind »Kohärenz« und »Evidenz«.
a) 'Kohärenz'
Verschiedene Zugangsweisen zum Wahrheitsproblem sind geläufig: semantische, sprachanalytische, intersubjektivitätstheoretische, korrespondenztheoretische usw. In allen trifft man auf das ontologische Problem, zwischen sprachlicher Aussage und Wirklichkeit eine Korrespondenz zu finden; die Sache selbst soll offenkundig werden. Da uns neben »Sprache« und »Wirklichkeit« eine dritte Ebene der Beurteilung nicht zur Verfügung steht, sind wir gehalten, die Vermitteltheit von allem durch Sprache zu begreifen. Was bedeutet denn »Wahrheit«? Die Offenbarkeit eines Sachverhalts, natürlich; doch wie wird ein Sachverhalt »wahrheitsfähig«? Indem wir, sprachpragmatisch, auf seiner diskursiven Einlösbarkeit beharren - also auf der Verpflichtung, einen möglichen Konsens im Urteil zu intendieren. Worauf hat sich dieser Konsens zu beziehen? Auf die Eingliederung des Sachverhalts in ein Kohärenzsystem, dessen drei zentrale Eigenschaften nach N. Rescher Konsistenz, Comprehensiveness = Umfassendheit, und Cohesiveness = Zusammenhängendheit sind. Eine Definition könnte dann also lauten: »Richtig heißt eine Aussage dann, wenn man sie eingliedern kann« (0. Neurath) -nämlich eingliedern kann in ein möglichst umfassendes, in sich kategorial ausdifferenziertes Gesamtgefüge aller möglichen Verstehensrahmen. Sowohl das System Hegels wie -vorläufig gesprochen - dasjenige Krauses sind scheinbar diesem Typ des Wahrheitszuganges zuzuordnen.
Für ein solches Denken bezeichnet also "Kohärenz« im Grunde das Wesen der Wahrheit selbst.
Indessen können wir uns mit dieser Annäherung nicht zufrieden geben. Sie läßt nämlich eine ganz entscheidende Erfahrungskomponente außer Betracht: die Erfahrung der scheinbaren Relativität aller Erkenntnis, die in der Geschichtlichkeit und Endlichkeit unseres Wissens gründet. Wir müssen erleben, daß ein philosophisches System der Wahrheit noch so wohl durchdacht auftreten kann - es ist nicht auszuschließen, daß wir ihm, trotz aller Anstrengung des Begriffs, doch keine letzte Gültigkeit zusprechen können. Wir sind nicht überzeugt worden - das kann von Fichte gelten, von Hegel, oder eben von Krause. Wir sagen dann: das System ermangelt für uns der Evidenz.
b) Evidenz
Obwohl rein logisch doch Aussagen nur mit Aussagen korreliert werden dürfen und nicht mit »Erlebnissen«, kommt hier ein Moment unmittelbarer Erfahrung ins Spiel. Was bedeutet dies für das Wahrheitsverständnis?
Daß ein Kohärenzsystem mir etwas bedeutet, dafür gibt es kein selbst »objektives« Kriterium. Daß Menschen überhaupt »vernünftige Wesen« sind, wie es die alte Metaphysik definierte, läßt sich abstrakt-wissenschaftlich gar nicht begreifen. Das zeigt sich nur, wo und wenn Verständigung über ein Erklärungssystem, d. h. letztlich: Verständigung der Menschen über sich selbst, gelingt. Die Praxis also gibt den Ausschlag. Die Vorstellung, Wahrheit sei statistisch - endgültig festellbar, ist damit erledigt. Ob also mein System anderen etwas sagt, ob es für sie dasselbe bedeutet wie für mich, ist dann a priori nicht deduzierbar. Es gibt kein »letztes« Kriterium der Übereinstimmung. Die ist direkt gar nicht herzustellen, weil wir über die Sprache nicht verfügen wie über ein Mittel/ein Werkzeug. Wir finden uns demnach faktisch-historisch in Übereinstimmung. Eine Kommunikation glückt, sagen wir .
Dann ist Wahrheit als »Deutlichkeit« sozusagen fraglos da. Auch das aber kann sich wieder ändern, Evidenz gleichsam einbüßen. Es gibt demnach keine letzte Absicherung der Intersubjektivität - jeder Eindruck einer Eindeutigkeit des Sprachgebrauchs »ein für allemal« ist bloßer Schein. Wahrheit wäre dann primär ein sich geschichtlich-zufällig einstellendes Ereignis, gründend in einer »Erkenntnis ohne Begriff«, die letztlich geschichtlich-individuell ist und angesichts derer die ganze Sprache in Allgemeinbegriffen wie ein nachträgliches Gerüst erscheint, ein Gerüst für eine Erfahrung, die das endliche einzelne Subjekt mit sich selber macht; schlicht: eine Theorie gelingt, d. h. sie löst ein Problem, Aber auch gilt: über Evidenz läßt sich nicht streiten!"
Kritik: Bereits hier zeichnen sich grundsätzlichere Probleme ab. Nach Kodalle gibt es kein letztes Kriterium der Übereinstimmung (S1), keine letzte Absicherung der Intersubjektivität (S2) und über Evidenz ließe sich nicht streiten (S3). Diese Sätze Kodalles (S1 bis S3) über die Evidenz und die letzte Absicherung der Evidenz zeigen, dass sie gerade das fordern, was sie ablehnen. Diese obigen Sätze sollen doch für alle Menschen zu allen Zeiten in allen geschichtlich zufälligen Konnexen und Sozialsystemen Evidenz besitzen. Derjenige, der sie schreibt, fordert deren universale Evidenz. Kodalle meint doch, dass alle Menschen diese seine Sätze als evident anerkennen müssen. Sie besitzen also transsubjektive, trans-intersubjektive und transsoziale also universelle Gültigkeit. Gerade dies wird aber in den obigen Sätzen Kodalles geleugnet.
Es zeigt sich also, dass die Sätze bereits über den Relativismus und Scheincharakter des 'ein für allemal', den sie behaupten, hinausweisen auf einen zeitlosen und universellen Evidenzbereich, selbst gegen den Willen des Autors. Die obigen Sätze fordern eine Gültigkeit jenseits faktisch-historisch diskursiver Übereinstimmung. Sonst müsste Kodalle sagen: 'Auch diese meine Sätze hier unterliegen natürlich selbst intersubjektiver Übereinstimmung, geglückter Kommunikation, sonst sind sie nicht evident, auch nicht wahr usw.' Er müsste sagen: 'Diese meine Sätze sind natürlich auch historisch diskursiv relativierbar, sie werden Evidenz einbüßen oder haben sie bereits eingebüßt.'
"III. Wahrheitsgewissheit als absolutes Ereignis – Zum Verständnis der "Wesenschau"
Das Wahrheitsbewusstsein des Ich bliebe defizitär und unsicher, wenn die notwendigen Transzendierungen auf einen letzten Grund hin ins Leere gingen. Wie also ist das Vertrauen in die Wahrheit der vernünftigen kategorialen Konstruktionen des Ich selbst begründbar? Das bloße Faktum einer gelingenden Verständigung (Intersubjektivität) hilft hier nicht weiter. Unser Denken verweist schon auf einen Grund, der von der Subjektivität des Denkens verschieden ist; Krause spricht in dem Zusammenhang von "Ahnung".
Zuweilen erweckt er den Eindruck, wir könnten »durch stetiges Aufsteigen« (92) in logischer Analyse in diesen Wahrheitsgrund gelangen. Doch diese Suggestionen sind irreführend. Krause möchte ein »Ganzes« denken, »welches nicht wiederum Teil und Teilwesenheit, sondern das unbedingte, unbegrenzte Ganze. ..ist« (92). Die sprachlichen Verrenkungen verraten es: »Ganzes« ohne Bezug auf »Teil« ist Nonsens, weshalb die Bezeichnung von »Wesen« als Ganzes auch bereits einen lapsus darstellt. Nein - die induktiv-analytische Methode kann, wie perfektioniert auch immer, nur an den Punkt heranführen, an dem wie in einem Sprung die zeitlos-differenzlose Wahrheitseröffnung zum Ereignis wird. Krause nennt das »Wesenschauung« (im folgenden: WS). Hier erschließt sich dem Ich eine Wahrheitsgewißheit, die erst das Vertrauen in ein Gelingen der kategorialen Rekonstruktionen begründet. Zugleich kommt dem Ich in diesem Lichte die sekundäre Bedeutung aller ausdifferenzierten logischen Systeme des Wissens zu Bewußtsein: Sie sind nur Abschattungen des im Wahrheitsereignis der WS Eröffneten - stets unvollkommene Versuche im Medium der Zeit, also des Trennenden, das zu entfalten, was als Differenz und Einheit in Gott ineins und zumal ist .
Im »Ahnen« ist das Drängen in die reine Wesentlichkeit: Gott, bereits gegenwärtig. Krauses Andeutungen, wir gelangten wie in einem Stufengang zur »vollen ganzen Schauung« des Wesentlichen (165), haben wir als gänzlich unangemessen zurückgewiesen. Das Ereignis des WS ist vielleicht in der Folge eines Stufenganges annäherungsweise plausibel zu machen - dessen Evidenz aber als Einheit mit Wesen/Gott leuchtet nur in einem Nu auf! In letzter Hinsicht ist die Hinführung zur WS auf dem Wege bestimmter Phasen der Introspektion selbst noch vermittelt: »in Kraft und als Folge der Grunderkenntnis«. Krause ist sich der Unfähigkeit der logischen Sprache sehr klar bewußt (vgl. 165), diesen Bereich der Evidenzerfahrung »über allem und jedem einzelnen Erkennen« zu artikulieren: »Wesen, Wesentliches, Wesenheit, ohne allen Beisatz« (565). Auch diese Formel ist natürlich nur >Andeutung<. Aber es scheint Krause die Konsequenz zu ermangeln; er nimmt nicht zur Kenntnis, daß die Formulierung: »Schauung des Ganzen, Selben, Ungeteilten, als solche ungegenheitlichen und zugleich gliedbaulichen, alles Einzelne und Besondere in sich fassenden oder vielmehr in sich seienden Wesentlichen« (165) bereits in dem »Zugleich« anzeigt, wie sich hier, im Reden- über, bereits das begründende, diskursive Denken, das nicht anders kann, als mittels Negationen zu bestimmen, sich des ursprünglich-wesentlich Erfaßten bemächtigt hat. Hier liegt meines Erachtens eine ganz entscheidende Crux der Krauseschen Wesenschaulehre.
Wir haben scharf zu unterscheiden: ursprüngliche Wahrheitsgewißheit als Schauung einerseits, auf Gründe und Begründungen sich unweigerlich beziehendes Denken andererseits. Sobald wir zu denken beginnen, im Auseinander von Bedingendem und Bedingtem, müssen wir, soll Wahrheit nicht beliebig-hypothetisch bleiben, »Wesen« als Grund annehmen: »Wesen, welches alles ist, was ist, worin alles ist, was ist, und dessen Wesenheiten alles Endliche auf bestimmte, beschränkte, eigene Weise an sich hat, und außer welchem als außer ihm, dem Ganzen, nichts ist« (93). Wesen als »erhabene Voraussetzung« er- schließt sich als absolute Faktizität im Schauen; die Struktur seines >Endlichkeitseinschlusses< eröffnet sich aber nicht, wie Krause behauptet, der Schauung selbst, sondern spiegelt sich in der Diskursivität des Denkens (in dieser Hinsicht also behält Hegel recht). -Es finden sich durchaus Feststellungen Krauses, welche unsere Klarstellung bestätigen: »Wesen ist Wesen, Gott ist Gott. Dieser Satz ist der Grundsatz für alle Sätze (so auch Hegel), aber nicht das Prinzip aller Erkenntnis, weil selbiger schon die Wesenschau voraussetzt« (578).
Aus diesen Erwägungen heraus leuchtet ein, daß auch die Bestimmung »höchstes Wesen« eine relationale, also bedingte Bestimmung ist, hinsichtlich derer sich nochmals die Frage nach dem Grunde stellt (vgl. 174). Es ist offenkundig: Solange wir uns in der logisch- > gliedbaulichen< Verästelung vom Höheren zum Höchsten bewegen, wird zwangsläufig auch das angeblich Höchste als ein je Bestimmtes und damit Endliches, Begrenztes erscheinen - die Frage nach dessen Grund brächte dies gerade an den Tag. Ich halte es darum für abwegig, einfach unsere Wesensbestimmungen nur »unbedingt« und »urganz« zu denken, um zur unbedingten »Selbwesenheit und Ganzwesenheit« Gottes vorzustoßen (175). Jeder Begriff eines Ganzen, dessen wir im Begründungsdenken bedürfen - ist zwar in seiner Begrenztheit durchschaubar und insofern überholbar - nicht aber läßt sich die Dialektik von Teil und Teil-Ganzem transzendieren, daß also ein Ganzes zu denken wäre, welches nicht länger bestimmtes Ganzes, also durch Nichtsein begrenztes Ganzes wäre. In diesem Horizont ist dem Denken des endlichen Ich nach Krause beschieden, daß es »nach innen endlich ist, d. h. durchaus in bestimmten Grenzen ganz, endganz, nicht urganz oder unendlich« (117). Innerhalb des Horizontes seiner Endganzheit ist das Ich aufgrund der Zeitstruktur seines Seins sich selbst »unerschöpflich« (118). Mit den Begriffen »endganz« und.»urganz« aber reißt Krause eine Differenz auf, die diskursiv nicht mehr einlösbar ist. Auch wenn die Endlichkeit des Ich als »Ganzwesen« zu der Frage nach dessen Grund befugt (156), kann die Überzeugung, daß unser Wissen, »weil es in bestimmten Grenzen ein Wesentliches seiner Art ist«, »gegen sein Urganzes, das urganze Wissen, kein ausmessendes Verhältnis« hat (117), nicht Produkt des bestimmten Denkens-in-Endlichkeit sein, weil dessen Vollendungsgestalt allemal als das Ganze eines Bedingungsgefüges sich auch diese kategoriale Differenzierung einverleiben würde - nach dem folgenden Muster: die Differenz von »Endganzem« und »Urganzem« realisiert sich über die gegenseitig negierende Bestimmtheit beider, so daß sich -im Horizont endlichen Denkens - jeweils nur erwiese, das vorgebliche Urganze sei in Wahrheit das Endganze. -Ich halte also fest: für die Erfassung des Urganzen als unendlichen Wissens ist jede Terminologie diskursiven Begründungsdenkens notwendigerweise ungeeignet. Das Präfix »ur« ist keine Lösung, sondern nur eine Verstehenshilfe.
Mit dem Begriff der Darstellung kommt Krause dieser Erwägung entgegen: Unser Denken und Erkennen ist »durchaus endlich und allseitig beschränkt«; aber den Grundbegriff des Schauens oder des Erkennens, der »keineswegs das Merkmal der endlich begrenzten Wesenheit an sich« hat, erkennen wir an »als auch in unserem Erkennen auf endliche Weise dargestellt« (119)! Zwischen Denken »endlich und allseitig beschränkt« und dem »klaren Denken als in seiner Art urganz oder unendlich« gibt es nach meiner Auffassung keine selbst denkend zu leistende Vermittlung! Der Begriff der Darstellung korreliert dem der Anerkennung: » daß wir in unserem endlichen Erkennen eine in dem unendlichen Erkennen Gottes enthaltene und diesem unendlichen Erkennen ähnliche endliche Wesenheit in uns anerkennen« (120, Hervorhebung von mir).
Krause unterstreicht, die Urganzheit sei sogar »eher und leichter zu denken und zu schauen als die Endganzheit oder Endlichkeit« (120). Dieses ist nur plausibel, wenn wir darunter ein ursprüngliches Evidenzerlebnis verstehen, das vor aller diskursiven Bestimmtheit und deshalb als grundlose Wahrheit erahnt bzw. gewußt wird und das vom endlichen Denken dann als ermöglichender Urgrund jeder bestimmten Ganzheit anerkannt wird. Die Behauptung, »daß also Gott als das ohne Grenze schauende Wesen von uns ahnend gedacht werde« (121), ist nur auf dieser Ebene unmittelbaren Schauens zu formulieren, wo eine Identität des als selbständig Unterschiedenen (Gott-Mensch) erreicht wird, die sich nicht nach Grund und Folge, Ursache und Wirkung, Ganzem und Teil ausdifferenziert, sondern jeder Differenzierung gegen die ihr latent innewohnende >schlechte Unendlichkeit< Halt verleiht in einem absoluten Wahrheitswissen, das alle Bestimmtheiten begleitet.
Es empfiehlt sich also, sich an die tiefere Einsicht Krauses zu halten, daß die WS aus den »untergeordneten endlichen Schaunissen und Gedanken« nicht erklärlich ist (167). Vielmehr ist sie »in unserem Geist ursprünglich gegeben« (177), sie bricht, wie es auch heißt, in das Bewußtsein herein (168)! Hier eröffnet sich demnach Gewißheit, die eines Beweises weder fähig noch bedürftig ist (177). Aus dieser absoluten Gewißheit, losgelöst von aller Logizität (Hervorhebung des Autors der Kritik), leitet sich die Gewißheit unserer Selbsterkenntnis ab: »da wir einsehen, daß Gott als Grund unseres Ich, und die Wesenschau Gottes als Grund unserer Selbstschauung gedacht wird« (178). Die Abgeleitetheit dieser Gewißheit aber kann gar nicht Abschwächung bedeuten - Gewißheit ist Gewißheit. Es ist dieselbe Gewißheit mithin, mit der wir Gott und mit der wir uns selbst erkennen (178)."
Kritik: Hier zeigt sich bereits der grundsätzliche Mangel der kritischen Krause-Interpretation Kodalles. Die Wesenschau (WS) ist möglich, aber jegliche kategoriale, innere, deduktive logische Gliederung derselben ist unmöglich wegen:
a) der Endlichkeit des menschlichen Denkens,
b) der unlösbaren dialektischen in Sprache und diskursivem Denken enthaltenen Verknüpfung von Ganzem und Teil, Unendlichkeit und Endlichkeit.
Ausdifferenzierte logische Systeme hätten sekundäre Bedeutung, seien nur Abschattungen des im Wahrheitsereignis der WS eröffneten, stets unvollkommenen Versuche, im Medium der Zeit, also des Trennenden das zu entfalten, was als Differenz und Einheit in Gott ineins und zumal ist.
Dieser letzte Satzteil ist eine sehr schöne Näherungsformulierung für das, was in der Grundwissenschaft tatsächlich erkannt, aber von Kodalle für den Menschen als Erkenntnisbereich ausgeschlossen wird.
Lösgelöst von aller Logizität leitet sich nach Kodalle aus der absoluten Gewissheit die Gewissheit der Selbsterkenntnis ab. Dass der Mensch an der göttlichen Logizität teilhaben könne, wird ausdrücklich ausgeschlossen. Entscheidend ist also für Kodalle: Aus der Schau des Göttlichen ist die Erkenntnis eines göttlich-logischen Kategorienorganismus (Begriffsstruktur) mit dem Gott alles an und in sich erkennt, unendlich und unbedingt wahr erkennt, nicht möglich: eines logisch-axiologischen Systems, welches auch für das menschliche Erkennen, die menschliche Logik der oberste Kanon wäre. Für den Menschen gäbe es nur das Wahrheitsereignis der Gottschau, jeder Versuch einer begrifflichen Ausdifferenzierung oder In-Differenzierung ist für ihn infolge seiner Endlichkeit unmöglich, ist gebunden an die von ihm benützten Sprach- und Denkdiskursivitäten, jeder Schritt über diese Grenze und Begrenzung hinaus wäre anthropomorphes Hinauftragen menschlicher Begrifflichkeit ins Göttliche, bleibt als Vermittlung an die Begrenztheit des menschlichen Denkens gebunden. Demnach gäbe es - trotz der anerkannten Möglichkeit der WS- im weiteren viele Möglichkeiten menschlicher logischer Axiologien, mit denen der Mensch sich und die Welt erkennt, die alle, je nach den jeweils gerade glückenden Evidenzerlebnissen bestimmter Menschen "wahre" Erkenntnisse über das Ich und die Welt liefern. Es herrschte somit Beliebigkeit subjektiv-zurichtender Begrifflichkeit, Relativität und Ablösbarkeit, aber auch die Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Systeme, welche gerade die Postmoderne (Z.B. http://or-om.org/Postpostmoderne.htm )thematisiert.
Wichtig ist, folgendes zu sehen: Kodalles Ansatz ist hier genau an jene Begrenzungen gebunden, welche die Mängel der Hegelschen Logik ausmachen. Z.B.: "im Reden-über, bereits das begründende, diskursive Denken, das nicht anders kann, als mittels Negationen zu bestimmen, sich des ursprünglich-wesentlich Erfassten bemächtigt hat." Oder: :"die Struktur seines 'Endlichkeitseinschlusses' eröffnet sich aber nicht, wie Krause behauptet, der Schauung selbst, sondern spiegelt sich in der Diskursivität des Denkens (in dieser Hinsicht behält Hegel recht)". Und: "Nicht aber lässt sich die Dialektik von Teil und Teil-Ganzem transzendieren, dass also ein Ganzes zu denken wäre, welches nicht länger bestimmtes Ganzes, also durch Nichtsein begrenztes Ganzes wäre."
Mit aller Deutlichkeit ist aber bereits hier darauf hinzuweisen, dass Kodalle bei seinen Argumentationen gegen Krause aus Werken zitiert, die überhaupt nicht die von Krause aus der Grundschauung WESEN deduzierte Kategorialität, also den Or-Om-Gliedbau der göttlichen Kategorien genau enthält. Dies erfolgt präzise nur in den "Vorlesungen über das System der Philosophie II", und in der "Synthetischen Logik". Unabhängig von der Bindung an das Hegelsche System wird also auch der zentrale und für die Frage einer Deduktion der Kategorien (und damit einer Inhaltslogik) aus der Grundschauung WESEN wichtigste Teil der Werke Krauses überhaupt nicht berücksichtigt, noch weniger analysiert oder kritisiert. Dies ergibt sich auch aus der Fußnote 5 des Artikels:
"5)Seitenzahlen-Angaben in Klammer beziehen sich auf Krauses »Vorlesungen über die Grundwahrheiten der Wissenschaft, zugleich in ihrer Beziehung zum Leben, nebst einer kurzen Darstellung und Würdigung der bisherigen Systeme der Philosophie, vornehmlich der neuesten von Kant, Fichte, Schelling und Hegel, und der Lehre Jacobis«, 3. vermehrte und vielfach verbesserte Auflage. Aufs neue hrsg. von August Wünsche, Leipzig 1911 (Erste Auflage: 1829)."
Rafael V.Orden Jiménez erwähnt in seiner subtilen Monografie des Krause`schen Systems der Philosophie "El Sistema de la Filosofía de Krause" (1998) in Fußnote 681 eine ähnliche Situation in Spanien: J.M.Vásquez-Romero weist auf Denker hin, welche zwar die analytische Philosophie der Krausisten kritisieren, den synthetischen Teil derselben aber nicht kennen. Schließlich weist er in der genannten Monografie auch bereits ausdrücklich darauf hin, dass Kodalle sich in der Beurteilung Krauses nur auf die "Grundwahrheiten der Wissenschaften" stützt, womit Mängel verbunden sind. "Kodalle ha concentrado su interpretación en la Analítica de las Verdades fundamentales, cuyo desarollo - sobre todo en su parte final - desprende una impronta probatoria mucho más débil y argumentativemente inferior a la desplegada en la obra valorada por la mayoría de los otros autores, el Sistema." S. 501
In dem bei Kodalle zitierten Werk, den "Grundwahrheiten der Wissenschaften" sind viele Ausführungen vereinfacht, keineswegs genau dargelegt und eigentlich nur summarisch angedeutet. Dies erweist sich beim Umgang mit Krauses Metaphysik als eine schwere Unangemessenheit. Das Tor zum wichtigsten Teil der Metaphysik Krauses wird bereits im Vorhof mit Ziegeln aus dem System Hegels vermauert. Bisher hat kein einziger Philosoph in Deutschland eine Kritik der Grundwissenschaft und der synthetischen Logik vorgelegt.
Aus den erwähnten Vorlesungen und der Synthetischen Logik ( vgl. http://www.internetloge.de/krause/krlogik.pdf ) ergibt sich deutlich der wichtige Schritt, eben die bisherige Sprache für die Weiterbildung der Erkenntnistheorie überhaupt verlassen zu müssen. Hegel hingegen bleibt einerseits bereits durch die unkritische dialektisierende Übernahme der Kategorien Kants (vgl. unten) und im weiteren durch die Interpretation der menschlichen Sprache im Rahmen der dialektischen Bewegung des Satzes unweigerlich an die umgangssprachlichen Formen gebunden.
Z.B. "So wenig, wenn ich sage, alle Tiere, dies Wort für eine Zoologie gelten kann, ebenso fällt es auf, dass die Worte des Göttlichen, Absoluten, Ewigen usw. das nicht aussprechen, was darin enthalten ist;- und nur solche Worte drücken in der Tat die Anschauung als das Unmittelbare aus. Was mehr ist als ein solches Wort, der Übergang auch nur zu einem Satz, enthält ein Anderswerden, das zurückgenommen werden muss, ist eine Vermittlung. "
"Es wird in einem Satze der Art mit dem Worte Gott angefangen. Dies für sich ist ein sinnloser Laut, ein bloßer Name; erst das Prädikat sagt aus, was er ist, ist seine Erfüllung und Bedeutung; der leere Anfang wird nur in diesem Ende ein wirkliches Wissen. Insofern ist nicht abzusehen, warum nicht vom Ewigen, der moralischen Weltordnung usw. oder wie die Alten taten, von reinen Begriffen, dem Sein, dem Einen usw. von dem, was die Bedeutung ist, allein gesprochen wird, ohne den sinnlosen Laut noch hinzuzufügen. Aber durch dieses Wort wird eben bezeichnet, dass nicht ein Sein, oder Wesen der Allgemeines überhaupt, sondern ein in sich Reflektiertes, ein Subjekt gesetzt ist. Allein zugleich ist dies nur antizipiert. Das Subjekt ist als fester Punkt angenommen, an dem als ihrem Halt die Prädikate geheftet sind, durch die Bewegung, die dem von ihm Wissenden angehört und die auch nicht dafür angesehen wird, dem Punkt selbst anzugehören; durch sie aber wäre allein der Inhalt als Subjekt dargestellt. In der Art wie diese Bewegung beschaffen ist, kann sie ihm nicht angehören; aber nach Vorraussetzung jenes Punktes kann sie auch nicht anders beschaffen, kann sie nur äußerlich sein. Jene Antizipation, dass das Absolute Subjekt ist, ist daher nicht nur nicht die Wirklichkeit dieses Begriffes, sondern macht sie sogar unmöglich, denn jenes setzt ihn als ruhenden Punkt, diese aber ist die Selbstbewegung."
Kodalle unterschlägt in seiner Darstellung, dass Krause eine neue Sprachtheorie, welche über die obige Hegels hinausgeht, entwickelt, geht auf diese inhaltlich nicht ein, sondern behauptet mit der Brille der Hegelschen Sprachtheorie, das es aus der dialektischen Verbindung der Hegelkategorien kein Entrinnen gäbe. Ein adäquater Umgang mit Krause müsste zumindest die neue Sprache samt den ihr zugrundeliegenden Begriffen darstellen, und sie dann inhaltlich kritisieren, was bisher in Deutschland nicht geschah.
Der Mensch erweist sich nach der Grundwissenschaft nicht als so endlich, wie Kodalle meint:
"Die Endlichkeit des Geistes im Schauen und Erkennen besteht nicht darin, dass er nur Endliches schaut. Denn er schaut WESEN, als das eine, unbedingte, unendliche Wesen, auch schauet er Unbedingtes und Unendliches jeder Art und Stufe; sondern darin besteht die Endlichkeit seines Schauens, dass alles sein Schauen, als sein Schauen, endlich ist, daher er sowohl das Unendliche als auch das Endliche nur auf endliche Weise schaut."
Der Kategorienorganismus der Grundwissenschaft
Um die in ihrer Zulässigkeit von Kodalle in Frage gestellten kategorialen Neuerungen der Grundwissenschaft zu explizieren, die sich aus der Einen, selben, ganzen, unendlichen und unbedingten Essentialität ergeben, wollen wir versuchen, einen Spezialfall zu entwickeln, an dem die wichtigen Deduktionen im Detail demonstriert werden können. Dieser Organismus erfordert die Einführung einer neuen Sprache! Begriffe wie 'Ganzheit', 'Bestimmtheit', 'Gegenheit' usw. haben in diesem System völlig neue Bedeutungen! Es wird dann auch möglich sein, in einem Vergleich zu zeigen, dass sich im Kategoriensystem Hegels eindeutige Mängel ergeben. Eine vollwertige Analyse der Problematik ist mit Sicherheit nur durch ein Studium des II. Teiles der Vorlesungen über das System der Philosophie möglich.
Kategorienstruktur der geraden Linie

Die Or-Om-Logik der unendlich langen, geraden Linie
In unserem Gedankenexperiment wollen wir annehmen, es lebe irgendwo eine Gesellschaft von Menschen, das Volk der Karidonier, dessen Universum nur aus einer unendlich langen, geraden Linie besteht. Generationen von Forschern analysieren dieselbe und stellen Überlegungen an, wie diese Linie richtig zu erkennen sei, welche Logik sich aus den Inhalten dieser Erforschung ergebe. Sie fragen also: Wie muss der Bau unserer Logik sein, damit wir die Linie so denken, wie es ihrem Inhalt, ihrem Bau entspricht. Hier das Ergebnis, welches durch Mart Ulansidor, - den man als karidonischen Krause bezeichnen könnte -, gefunden wurde.
Wichtig ist bereits einleitend zu beachten, dass die deutsche Umgangssprache nicht ausreicht, um die hier entwickelten Erkenntnisse genau zu bezeichnen. Es müssen daher einige neue, klarere Bezeichnungen für das Erkannte, für das Gedachte eingeführt werden (z. B. "Or" für das Ungegenheitlich/Ganze/Eine, "ant" für das Gegenheitliche, "mäl" für das Vereinte, "Ab" für die Beziehung des Höheren zum Niederen, "Neb" für die Beziehung von Nebengliedern usw.). Da die hier deduzierten, abgeleiteten Begriffe im System (LO) eine andere Bedeutung haben, als in der bisherigen Umgangssprache und den bisherigen Wissenschaftssprachen, auch jener Hegels , werden sie in der Axiomatisierung (LO) in einer besonderen Schrift (Lucida Sans) geschrieben. Umgekehrt wird hier aber auch dazu angeregt, bisher überhaupt nicht gründlich genug Gedachtes erst einmal überhaupt zu denken.
(LO 1) Was die unendlich lange, gerade Linie o AN sich ist

"AN" einem Wesentlichen ist, was von ihm ganz, durchaus gilt. "IN" einem Wesentlichen ist dasjenige Wesentliche, welches von ersterem ein Teil ist, und Gleichartiges des ersteren außer sich hat. Betrachtet wird bei der Linie o in (LO 1), was sie AN sich ist, also noch nicht, inwieweit sie vielleicht auch Teile usw. hat (LO 1.1). AN der Linie o wird die Wesenheit go (in der FIGUR 2 go, gu, gi, ge usw.) erkannt. An der Wesenheit die Einheit. Dass die Linie im weiteren (LO 1.2) und (LO 1.3) auch Zweiheit, Mehrheit, Vielheit, Vereinheit von mehreren Teilen usw. ist und hat, wird hier noch nicht erkannt. Die Einheit, die hier erkannt wird, ist eine ungegliederte, allen Teilheiten und Vielheiten "IN" der Linie übergeordnete Einheit, die wir der Genauigkeit wegen als OrEinheit (go) bezeichnen können.
(LO 1.2) AN der Wesenheiteinheit go der Linie werden die Selbheit (gi) und die Ganzheit (ge) erkannt. Die Selbheit bezeichnet man üblicherweise als Absolutheit und die Ganzheit als Unendlichkeit. Die Linie ist AN sich Eine, absolut und unendlich. Das Wort "Ganzheit" meint hier nicht eine Summe von Elementen, die zu einer Ganzheit zusammengefasst sind. (Diese finden sich erst in (LO 1.2 und LO 1.3.) Die Linie o ist IN sich auch Summen von Teilen usw. Aber als Linie o ist diese Verein–Ganzheit von Teilen noch nicht ersichtlich oder erkennbar. Diese Or–Ganzeit oder unendliche Ganzheit ist ein "über"geordneter Begriff. Das Wort "Selbheit" oder Absolutheit" der Linie o meint, dass sie an sich ist, ohne irgend ein Verhältnis nach außen. (Dies stimmt auch in unserem Modell, da es bei den Karidoniern außer der Linie o ja nichts gibt.) Wesenheiteinheit (go), Selbheit (gi) und Ganzheit (go) stehen in der Gliederung der FIGUR 2 zueinander. Für die Gliederung der Mathematik sind go, gi und ge die Grundaxiome. Für die Lehre von Gegensatz, Negation, positiven und negativen Zahlen sind es die Ableitungen IN go, für die Lehre von den Verhältnissen sind es die Ableitungen IN gi und für die Ganzheitslehre die Ableitungen IN ge. Go und ge sind auch miteinander vereint und mit go als gu.
(LO 1.2.1) Wie ist die Wesenheit-Einheit (go) und wie sind im weiteren gi, ge und alle Verbindungen der Linie o in FIGUR 2? Die FORM der Wesenheit go ist Satzheit do. Die Linie o ist das eine Gesetzte, Positive. Hier An der Linie o gibt es noch keine Negation, keinen Gegen–Satz usw. Wir bezeichnen diese Satzheit als Or-Satzheit. Die Form der Selbheit gi ist Richtheit di oder Bezugheit (Relationalität), aber auch hier gibt es nur die Eine Richtheit ohne noch ein Hin und Her oder sonstige einzelne Richtungen zu unterscheiden, also Or-Richtheit. Die Form der Ganzheit ge ist Fassheit de ("um"fangen, befassen). AN der unendlichen, ganzen Linie wird noch nicht ein Um-fassen endlicher Ganzer erkannt, sondern dieses Fassen der Or-Ganzheit hat keine Endlichkeit (FIGUR 3).
(LO 2) Was die Linie o IN sich ist
Die Linie o ist IN sich gemäß der obigen Zeichnung Gegenlinie und Vereinlinie nach INNEN, so dass die Linie IN sich zwei ihr als o untergeordnete und IN ihr selbst als ganzer selber Linie nebengegenheitliche Linien i und e ist, welche AN sich gleichwesentlich und sich darin neben-gegenheitlich sind, dass die eine von beiden ist, was die andere nicht ist und umgekehrt. Die Linie o aber, sofern sie ÜBER sich selbst als die beiden nebengegenheitlichen entgegengesetzten Linien i und e ist, ist die Urlinie u, von i und e unterschieden, und insoweit ist die Linie o in sich eine doppelgliedrige AB-Gegenlinie. Die Linie ist als u auch vereint mit den beiden Gegenlinien i und e. Die beiden Neben-Gegenlinien sind ebenfalls miteinander vereint.
(LO 2.1) IN der Linie o in der ersten Gliederung sind nur 2 Linien, die durch den Punkt X voneinander getrennt sind. Es gibt das Erste und das Zweite, das Zweite ist das Andere des Ersten. Das Erste ist, was das Zweite nicht ist und umgekehrt. Beide sind einander nebenentgegengesetzt, nebengegenheitlich, andererseits ist aber die Entgegengesetztheit der beiden gegen die Linie u eine Ab-gegenheit. Die Gegenheit der beiden Glieder gegen u ist also eine andere als die Gegenheit der beiden i und e gegeneinander. Die Linie o ist IN sich beide. Man kann also nicht sagen, das Eine ist die Linie o und das Andere sind die beiden Linien i und e. sondern es ist zu sagen: Die Linie o ist In sich sowohl das Eine als auch das Andere. Unrichtig ist aber zu sagen: Die Linie o ist beide. Daraus ergibt sich, dass die innere Gegenheit in der Linie o zwei Glieder hat. Es ist unmöglich anzunehmen, dass die innere Gegenheit nur ein Glied hätte. (Hier liegt z.B. ein wichtiger Unterschied zu Hegel, bei dem nämlich, wie die Tafel unten zeigt, im Werden der Substanz in der 1.Negation nur ein Glied, nämlich das Dasein, das Äußere, die Natur, die Endlichkeit, das Anderssein, die Entfremdung wird.) Dadurch dass die eine der beiden Linien i nicht ist, was die andere Linie e ist, wird von der Linie o überhaupt nichts verneint. Dadurch, dass die Linie o in sich die beiden Linien i und e ist, wird sie nicht zum Anderen, wird von ihr auch überhaupt nichts verneint. Weiterhin ist zu beachten, dass die Linie o, soweit sie ÜBER i und e ist, und erst in dieser Hinsicht eine Beziehung nach innen hat, in (LO 1) aber, AN der Or-Linie o solche Beziehungen nicht gegeben sind ( Es sei denn, man meint alle Beziehungen, die wir in (LO 1) darlegten, diese Beziehungen sind Aber AN-Beziehungen.)
(LO 2.2) Die in (LO 1.2) angeführten Begriffe der Wesenheit go und ihrer AN-Gliederung, also Wesenheiteinheit, Selbheit (LO 2.2)
FIGUR 2) - erfahren bei der Gliederung der Linie o IN (LO 2) durch Linie u und die beiden Linien i und e ebenfalls eine Ab-Gegen-, Neben-Gegen- und Vereingliederung, die folgend darstellbar ist:
(LO 2.2.1) Die Wesenheit go, der unendlichen unbedingten Linie o erfährt in den beiden Linien i und e eine Veränderung. Die Neben-Gegen-Wesenheit der beiden Linien ist ihre Artheit (Art, Qualität). In der Linie o ist zuerst einmal eine nur zweigliedrige Artheit: der qualitative Unterschied zwischen i und e.
(LO 2.2.2) Für die beiden Nebengegen-Glieder i und e ergibt sich als Gegenheit der Selbheit (gi) die Verhaltheit, das Verhältnis. Sie stehen zueinander in einem Neben-Verhältnis, zur Linie u in einem Über-Unterverhältnis usw. AN der Linie o in (LO 1) gibt es keine Gegen-Verhältnisse, sondern die Eine Selbheit, als Or-Selbheit. i verhält sich zu e in bestimmter Weise. Das Gegenselbe steht sich als ein Anderes wechselseitig entgegen, eines ist des anderen Objekt.
(LO 2.2.3) Für die beiden Neben-Gegenglieder i und e ergibt sich als Gegenheit der Ganzheit (Or-Ganzheit der Linie o) die Teilheit. Das Gegenganze ist Teilheit. Die Linie o ist IN sich zwei und nur zwei Teile i und e. Hier ist auch die höchste Grundlage des Mengenbegriffes gegeben. Man kann nicht sagen: die Linie o ist eine Menge, weil AN der Linie überhaupt keine Teilheit ist, wohl aber die Linie o ist IN sich in dieser ersten Gegenheit zwei und nur zwei Teile (Elemente). Wir unterscheiden aber die Ab-Teilung von der Neben-Teilung. Denn die untergegenheitlichen Teile nennt man Unter-Teile, (Ab-Ant-Ganze). In der Vereinigung ergibt sich das Vereinganze der Teile, die Erste Summenbildung von i und e.
In der Grundwissenschaft ergibt sich hier die qualitative Nebengenheit zwischen Geist (i) und Natur(e). Auch hier zeigt sich wiederum der Unterschied zu Hegel, bei welchem die Natur (e) im Werden 1 der Substanz, in der Negation 1 als Entäußerung des Geistes als das sich wissende Absolute in die Natur wird ( als Dasein, Äußeres, Natur, das Bestimmte, die Endlichkeit, die Entfremdung, das Anderssein) um schließlich im Werden des Daseins, in der Negation 2, der Reflexion im Anderssein in sich selbst, als aufgehobener, in sich reflektierter Gegenstand in Aufhebung und Kampf zum Geist, Fürsich, Resultat und Ende wird.
(LO 2.3). Auch hinsichtlich des Wie der Wesenheit usw. hinsichtlich der Begriffe der Formheit do usw. ergeben sich für die gegenheitlichen Linie i und e neue Bestimmungen.
Unter (LO 1.2.1) fanden wir, dass die Linie o Satzheit do hat. Hinsichtlich der Gliederung o, i, e, usw. ergibt sich hier Gegen-Satzheit und zwar wiederum Neben-Gegensatz zwischen i und e, Ab-Gegensatzheit zwischen u und i usw. Die Gegensatzheit ist die Bestimmtheit. Bestimmtheit ist also eine Teilwesenheit an der Satzheit als Gegensatzheit. i ist also gegen e bestimmt, aber auch u bestimmt e und i usw. Diese Gegensatzheit hat selbst auch eine Form. Die Or-Satzheit ist der Form nach ganz Jaheit, ohne Neinheit, also Or-Jaheit. Diese Jaheit ist nun selbst wiederum gegliedert
Statt der Or-Jaheit kann man sagen, die unendliche und unbedingte Positivität. Was die Gegen-Jaheit betrifft, so ist diese zugleich Gegen-Neinheit, entgegengesetzte Verneinheit (oppositive Negativität). Das Nein oder Nicht wird daher nur hier erkannt. Die Gegenneinheit ist nur an der Gegenjaheit. Dadurch dass i bestimmt ist als das Eine von zwei Wesentlichen, ist es auch zugleich bestimmt als nicht sein Anderes, sein Gegenheitliches, hier also e ist von ihm verneint. Das Nein ist also nur in einer Beziehung gegen ein Anderes. Durch die gegenseitige Teilverneinung i gegen e und umgekehrt, wird von der Unendlichen und unbedingten Linie o überhaupt nichts verneint. (Auch hier wieder ein wichtiger Unterschied zu Hegel, bei welchem sehr wohl im Werden der Substanz, in der Entäußerung des Geistes eine Negation derselben angenommen wird.) Hinsichtlich der Linie o ist das Nicht nicht. Die Bestimmtheit i gegen e besteht darin, dass es e ausschließt. Hier liegt die Grundlage der Wörter ja, nein, Nichts, des logischen „ist nicht“. Zu beachten sind natürlich auch die Gegenjaheiten von der Linie u gegen i bzw. e (Unter-Gegen-Verneinung oder Ab-Ant-Verneinung).
(LO 2.3.1) Auch die Satz-Einheit, an der Linie o, als unendliche und unbedingte Einheit der Satzheit (oder Zahleinheit), ist hier gegenheitlich zu finden als:
also Satz-Gegeneinheit, Satz-Vereinheit. Für die Zahl-Gegeneinheit wird das Wort Vielheit oder Mehrheit benützt. Zu beachten ist aber, dass hier noch keine Vielheit gegeben ist, die mehr als Zweiheit wäre (Gegeneinheit). Statt der Vereinzahlheit sagt man Allheit, Totalität, die aber hier nur aus zwei vereinten Gegen-Gliedern besteht. Von der Linie o gilt unbedingte und unendliche Zahleinheit, keine Vielheit, oder Mehrheit, keine Allheit. Die Linie o ist IN/UNTER sich die Vielheit und das Viele, die Allheit und das All oder die Totalität, das Universum aller Glieder in sich. Jede ursprüngliche Vielheit in der Linie o ist eine Zweiheit, und jede Vereinzahlheit ursprünglich eine vereinte Zweiheit, da der Gegensatz, oder die nach Ja und Nein bestimmte Gegenheit nur zweigliedrig ist. Die unbestimmte Vielheit oder Vielzahligkeit ist hier noch nicht gegeben, z.B. die unendliche Vielzahligkeit 1,2,3,4,5, usw.
Hier liegen die Grundlagen der Zahlentheorie: die oberste Zahl ist die unendliche, unbedingte Eins (o). In ihr sind die beiden gegenheitlichen Zahlen i und e, die ebenfalls noch unendlich sind, aber gegeneinander begrenzt durch X. Sie sind nicht mehr absolut, sondern gegeneinander und gegen u relativ. Hier liegen die Grundlagen der widerspruchsfreien Mengenlehre. Denn die beiden ersten „Mengen", INNEREN Elemente, von o sind i und e, beide selbst noch unendlich, aber bereits relativ.
(LO 2.3.1.1) Die Form der Satzeinheit oder Zahleinheit ist die unendliche, unbedingte Jaheit. Die Jaheit ist dann selbst wiederum gegliedert wie unter (LO 2.3). Daraus ergibt sich die Jaheit und Neinheit der Zahlheit, hier aber erst für die beiden Teile i und e. Hier findet sich die Grundlage der mathematischen Lehre von den Zahlen und Gegenzahlen (den positiven und negativen Zahlen).
(LO 2.3.1.2) Auch die Richtheit di (als Form der Selbheit in LO 1.2.1) erfährt hier weitere Bestimmung:
Hier wird die Gegenrichtheit erkannt. Und zwar haben i und e nebengegenheitliche Richtheit. i „fängt“ bei X an und „geht in die eine Richtung", e „fängt“ bei X an und „geht in die andere Richtung“. Weiters ist die Richtung von u nach i und e und umgekehrt von i nach u usw. zu erkennen. Anstatt Richtheit sagt man gewöhnlich Dimension, Erstreckung. Der Begriff der Richtheit ist für die Ausbildung der Mathematik wichtig, bisher aber ungenau erkannt und entwickelt. Hier ist zu unterscheiden: die Eine Ganze Richtheit (Or-Richtheit di) der Linie o; die Neben-Gegenrichtheit an den Teilganzen i und e und andererseits die Ab-Gegenrichtheit u gegen i und e usw. Hier hat der Begriff der Richtheit noch nichts mit Zeit und Bewegung zu tun. (In der Umgangssprache wird Richtung ausgedrückt durch: hin und her, auf und ab, hinüber und herüber.)
(LO 2.3.1.3) Auch die eine selbe ganze Fassheit de, als Form der Ganzheit erfährt hier Bestimmung.
Die Linie o hat „ungeteilte“ ganze Fassheit (Or-Fassheit), die beiden inneren Teile i und e haben Neben-Gegenfassheit, u hat gegen i und e Ab-Gegen-Fassheit, schließlich erkennen wir alle Vereinfassheiten. Auch hier kann man sagen, dass die Linie o ganze Fass-Jaheit hat, dass aber von i und e neben-wechselseitig Fassjaheit und Fassneinheit gilt. Denn i fasst das, was e nicht fasst und umgekehrt. Daraus ergibt sich das In-Sein und Außensein. e ist außer i und i ist außer e.
(LO 2.3.1.3.1) An dieser Stelle müssen wir noch genauer fragen: Wie ist die FORM dieses In-und Außensein? Die Form dieses einander In- und Außenseins ist die Grenzheit. Das sieht man leicht indem man sagt: X ist die Grenze von i und e. Dort wo die Inbefassung von i aufhört, an der Grenze X, da fängt die Inbefassung von e an. Grenzheit, Grenze ist also die Form des Gegenfassigen. Es ist also deutlich, daß An der Linie o keine Grenze ist, sondern dass erst in der ersten In-Teilung derselben, an i und e die Grenzheit als X gegeben und erkannt wird. i und e haben daher eine gemeinsame Grenze. Die Grenze X ist weder i noch e, sie ist ihre gemeinsame Grenze.
(LO 2.3.1.3.2) Fragen wir nun, was ist IN dem, was da ingefasst, eingefasst wird. Der Inhalt des Infassigen wird als groß oder Großheit bezeichnet. Damit Größe da sein kann, muß etwas innerhalb bestimmter Grenzheit bejahig befasst sein. Der Begriff der Großheit ist wiederum für die Mathematik grundlegend. Man hat daher die Mathematik oft irrtümlich auf die Größenlehre beschränkt. Hier wird aber gezeigt, dass die Mathematik viel mehr umfasst, und dass der Begriff der Großheit bisher auch nicht richtig erkannt wurde.
Betrachten wir das inbegrenzte Große, so erscheint die Grenze desselben als dessen Ende, als Endheit, oder umgekehrt als Anfang. Hier erkennen wir die Begriffe Endheit, Endlichkeit, und Un-Endlichkeit. Die Endlichkeit ist eine Bestimmung der Grenzheit, die Grenzheit wieder eine Bestimmung der Gegenfaßheit an der Großheit und mithin daher eine Bestimmung der Ganzheit als Gegenganzheit. Daraus zeigt sich, daß der Begriff der Endlichkeit nicht richtig gefunden wird, ohne die Begriffe der einen, selben, ganzen Richtheit (di), der Faßheit (de) und der Ganzheit (ge). Von der Linie o kann nicht gesagt werden, dass sie an sich endlich ist, oder Grenze hat, sondern nur, dass sie ganz (organz) ist und in ihrer Ganzheit auch alle Endlichkeit und Grenzheit des Gegenganzen in sich befasst.
(LO 3) In der dritten Erkenntnis fassen wir zusammen, was bisher erkannt wurde, also was die Linie o AN und IN sich ist.
Es gilt: Die Linie o ist AN sich und IN sich ein Organismus, heute würde man auch sagen eine Struktur. Die An-Gliederung und die Ingliederung wurden unter (LO 1 und LO 2) dargestellt.
(LO 3.1) Dieser bisher dargestellte Gliedbau (Organismus, Struktur) der Linie o ist „voll"ständig. Hier ergibt sich die erste Erkenntnis hinsichtlich der Begriffe ALL-heit, Totalitiät. Diese Allheit ist aber nicht irgendeine unbestimmte verschwommene, sondern die Gliederung ist deutlich bestimmt.
(LO 3.1.1) Aus dieser Gliederung ergibt sich auch, dass die Gegenheit nur zweigliedrig ist, denn es gibt keine anderen inneren Glieder der Linie o als i und e, und deren Jaheit und Gegenjaheit (Neinheit). Natürlich gibt es auch „noch endlichere“ Linie in o, aber das wird sich erst im folgenden ergeben.
(LO 3.1.2) Für diesen gegliederten Organismus gilt auch, dass alle hier entwickelten Begriffe aufeinander anzuwenden sind. So hat z.B. die Ganzheit (ge) auch Wesenheit, Selbheit und Gegenselbheit, also Verhaltheit, Ganzheit, sie hat eine bestimmte Form oder ist in bestimmter Grenzheit, gegenüber der Selbheit, usw. Wenn also derjenige Teil der Mathematik der sich mit Größen beschäftigt, voll ausgebildet werden soll, dann muss an der unendlichen und nach innen absoluten Ganzheit (hier Or-Ganzheit der Linie o) begonnen werden, was bisher nicht geschehen ist. Ein anderer Zweig der Mathematik ergibt sich aber aus der Selbheit (gi) und Gegenselbheit (Verhaltheit, Verhältnis), wenn dieser Begriff nach allen anderen Begriffen durchbestimmt wird (z.B. die Lehre von den Proportionen usw.).
(LO 4.1) Jeder der beiden Teile i und e in der Linie o (und auch die Vereinigung der beiden) ist selbst wiederum AN und IN sich Struktur, Organismus gemäß der Struktur (LO 1-3), also hat selbst wieder eine der Linie o ähnliche Struktur.
Es gilt: Wie sich die Linie o zu u, i und e und deren Gegenheiten und Vereinheiten verhält, so verhält sich wiederum i zu dem, was es IN sich ist, usw...
(LO 4.1.1) Die Form dieses Ähnlichkeitsverhältnisses ist die Stufung, Abstufung (Stufheit), wobei sich das unter (LO 2.3.1.3) dargestellte Insein und Außensein nach innen fortsetzt.
(LO 4.1.2) Fahren wir nun mit der inneren Gliederung von i und e und deren Vereinigung fort, so ergeben sich in i unendlich viele Linien gemäß a1, in e unendlich viele Linien wie b1 und in der Vereinigung von i und e unendlich viele Linien wie c1. Analysieren wir die Ganzheit, Großheit, Grenzheit und Endlichkeit (LO 2.3) dieser Linien a1, b1, c1, so fällt auf, dass sie zum Unterschied von den Linien i und e „auf beiden Seiten endlich sind“, beidseitig begrenzt sind, sie sind also ganz endlich, oder unendlich-endlich. i und e sind also in sich unendlich endliche Glieder. Ein solches Glied der Linie o nennt man nun individuell, partikular. Wichtig ist zu erkennen, dass sich die Art der Endlichkeit von i einerseits und a1 andererseits unterscheiden. Die Glieder i und z.B. a1 gehören verschiedenen Stufen der Grenzheit, Begrenzung, verschiedenen Grenzheitsstufen an. Die Erkenntnis dieses Unterschiedes in der Grenzheitsstufe von Elementen in einem unendlichen Ganzen ist entscheidend, um die Antinomien der bisherigen Mengenlehre zu vermeiden.
(LO 4.1.3) Frage: Hat diese Gliederung der Linie o nach innen ein Ende? Ja! Und zwar: Die Linie o ist beidseitig unendlich. Genauer gesagt: sie hat unendliche Or-Richtheit. Die Linien i und e gehören noch der gleichen Grenzheitsstufe an, sie sind auch noch unendlich, haben aber gegeneinander die Grenze X, sind nur mehr einseitig unendlich (endlich-unendlich). Die Glieder a1, b1, c1, sind beidseitig endlich, sind also in der Stufung der Grenzheit noch weiter innen. Teilt man jedoch a1 weiter in 3 Teile, so erhält man der Artheit nach keinen neuen Typ von Linien, weil 1/3 von a1 wiederum eine beidseitig begrenzte Linie ist. Die Grenzheitsstufe der Linientypen a1, b1, usw. ist also die letzte innere Grenzheitsstufe der Linie o. Hier ist das Ende der Endlichkeit (unterste Grenzheit; Grenze der Grenze).
(LO 4.1.4) An diesen unendlich endlichen Gliedern (Elementen) in/unter o ist nun in zweifacher Hinsicht Unendlichkeit.
1. In den Gliedern i, e und ihrer Vereinigung gibt es jeweils unendlich viele unendlich endliche Elemente (a1..,b1..,c1..).
2. Jedes unendlich endliche Glied a1, usw. ist selbst weiter unendlich teilbar und bestimmbar.
(LO 4.1.5) Das Endliche, Bestimmte oder Individuelle jeder Art und Stufe ist also nicht isoliert, gleichsam losgetrennt von dem, was neben und außer, bzw. über ihm ist (z.B. a1 von o), es ist in/unter seinem höheren Ganzen und mit ihm vereint, wie auch mit den Nebengliedern.
(LO 4.1.5.1) Aus den bisherigen inneren Gliederungen der Linie o ergeben sich nun folgende weitere axiomatische Folgerungen:
Die Stufung der Grenzheit und die Großheit sind nun mit der Selbheit und der Gegen-Selbheit, also der Verhaltheit verbunden (vereint). Die allgemeine Lehre von der Verhaltheit (von den Verhältnissen) begreift in sich Verhältnis, Verhältnisgleichheit (Analogie, Proportion), Verhältnis-Ungleichheit (Disproportion), Verhältnisreihe (Progression), nach gleichen oder ungleichen Verhältnissen; die ersten Reihen sind Gleichverhaltreihen oder Verhaltstufreihen (Potenzreihen). Hinsichtlich der Verhältnisgleichheit zeigt die reine Selbheitlehre zwei Grundoperationen: zu einen gegebenen Musterverhalte und einem gegebenen Hinterglied das gleichverhaltige Vorderglied zu finden; oder: zu einem gegebenen Vorderglied das gleichverhaltige Hinterglied zu finden. Auf die Ganzheit angewandt sind dies das Multiplizieren (Vorgliedbilden) und Dividieren (Nachgliedbilden).
(LO 4.1.5.2) Ferner entsteht hier das grenzheitsstufliche Verhältnis, also das Verhältnis von Ganzen, die zu verschiedenen Stufen der Grenzheit gehören (z.B. Linie i zu b1 usw.), als auch grenzheitsstufliche Verhältnisgleichheit, Verhältnis-Ungleichheit und Verhältnisreihe. Auch die analogen Axiome hinsichtlich der Verhältnisse von solchen Ganzen, die innerhalb einer und der selben Stufe der Grenzheit enthalten sind.
(LO 4.1.5.3) Hier ergeben sich nun zwei in der bisherigen Mathematik und Mengenlehre nicht beachtete wichtige Folgerungen.:
Jede selbganzwesenliche also unendliche und ansich unbedingte Einheit jeder Art und Stufe (hier die Linie o) ist in/unter sich unendlich viele Einheiten der nächstniederen Grenzheitsstufe (hier a1, b1, usw.; beachte i und e sind von der gleichen Grenzheitsstufe, wie die Linie o selbst!!) und so ferner bis zur untersten Grundstufe (die hier mit der beidseitig begrenzten Linie gegeben ist). Diese Grundstufe ist nach allen Richtheiten (Strecken, Dimensionen) endlich, und besteht selbst wiederum aus unendlich vielen Einheiten dieser untersten Stufe (a1 kann man weiter unendlich teilen). Jede jedstufige unendliche Einheit besteht aus unendlich vielen unendlich endlichen Einheiten der untersten Stufe.
(LO 4.1.5.4) Hier zeigt sich auch der Grundbegriff der unendlichen Vielheit und darin der unbestimmten Vielheit oder der unendlichen und darin der unbestimmten Zahlheit, wobei ein Unendlich-Ganzes des Gleichartigen (hier der Linie o) vorausgesetzt wird, worin innerhalb vollendet bestimmter Grenze, die endliche Einheit der Unendlichkeit des Ganzen wegen, willkürlich angenommen wird.
(LO 4.1.5.4.1) Hierauf beruht die mathematische Voraussetzung, dass die Zahlenreihe 1,2,3,.. und so fort unendlich ist und dass auch wiederum an jeder Zahl die ganze Zahlenreihe darstellbar ist, durch Zweiteilung, Dreiteilung, Vierteilung usw. ohne Ende. Diese hier bewiesene, unendliche und unbestimmte Vielheit, als Grundaxiom der allgemeinen Zahlheitlehre (Arithmetik und Analysis) ist wiederum eine doppelte. Einmal die unendliche Artvielheit oder Artzahlheit von Einheiten, welche artverschieden sind, oder die Zahlheit der diskreten Zahlen. (Dies ergibt sich aus dem obigen Satz LO 4.1.5.3)
Hier zeigt sich aber zum anderen auch die unendliche stetige Zahlheit, oder Stetzahlheit an Einheiten, welche in ihrem stetigen Ganzen selbst binnen bestimmbarer Grenze stetig und unendlich teilbar sind. Dies ergibt sich aus: Alles Stetige, Wesenheitgleiche ist in sich unendlich bestimmbar und teilbar. Die Lehre von der Artzahlheit ist übrigens von der Stetzahlheit zu unterscheiden.
(LO 4.1.5.4.2) Im weiteren ergibt sich hieraus das Axiom der stetigen Großheit, und der stetigen Größen: unendliche Teilbarkeit, unendliche Vielmaligkeit jedes Endlichen in seinem Unendlichen der nächsthöheren Stufe; die Gegenrichtheit hinsichtlich der Richtheit (Strecke, Dimension), das ist die Lehre von den gegenrichtheitlichen Größen, den positiven und negativen Größen. Ferner die Axiome der Stetgroßheit und der Stetgrößen nach der SELBHEIT und der VERHALTHEIT. Denn es ist eine Größe entweder eine selbheitliche Größe (Selbgröße; absolute Größe) oder eine verhaltliche Größe (gegenselbheitliche Größe), Verhaltgröße, relative Größe, welche hinsichtlich der mit ihr verglichenen Größe groß oder klein ist. Die Größeverhaltheit ist selbst wiederum eine der Gegenselbheit (ein arithmetisches Verhältnis oder Restverhältnis) oder eine der Vereinselbheit, darunter auch der Vielheit (ein sogenanntes geometrisches Verhältnis). Das gleiche gilt von der Verhaltheit hinsichtlich der Stetgroßheit.
(LO 4.1.5.4.3) Alle Größen der selben Grenzheitsstufe (hier die Linien a1, bn, c5.. usw.) stehen zu einer jeden beliebigen Größe der gleichen Grenzheitsstufe in einem bestimmten Größenverhältnis, welche letztere, wenn sie das bestimmende Glied jedes Verhältnisses ist, die Grundeinheit oder absolute Einheit genannt wird. (z. B. Verhältnis 1 zu 3 oder 3 zu 1 usw.) Jedes Verhältnis der Ungleichheit ist diesseits oder jenseits des Verhältnisses 1..1, und zwar entweder eines der größeren Ungleichheit z.B. 3 zu 1 oder der kleineren Ungleichheit z.B. 1 zu 3. [vgl. auch vorne unter (LO 4.1.5.1) die Grundoperationen des Multiplizierens und Dividierens].
(LO 4.1.5.4.4) Rein nach der Grundwesenheit der Selbheit sind an dem Stetgroßen folgende Operationen gegeben: Addition und Subtraktion, indem entweder aus den Teilen das Teilganze oder aus einem oder mehreren Teilen des Teilganzen der andere Teil (der Rest) bestimmt wird.
(LO 4.1.5.4.5) Die Verhaltheit der Stetgrößen ist selbst artgegenheitlich (qualitativ) verschieden. Denn sie ist, wie alles Endliche, Bestimmte selbst nach Unendlichkeit und Endlichkeit bestimmt. Daher ist jedes geometrische Verhältnis zweier Stetgrößen entweder ein unendliches oder ein endliches. Ersteres, wenn keine gemeinsame Einheit diese beide Glieder mißt, das Verhältnis also unzahlig oder unwechselmeßbar (irrational und inkommensurabel) ist, letzteres, wenn beide Glieder von derselben Einheit gemessen werden, das Verhältnis also zahlig und wechselmeßbar ist.
(LO 4.1.5.5) Für die Begründung einer antinomienfreien Mengenlehre ist folgender Satz fundamental: Ein jedes Glied, ein jeder Teil einer bestimmten Grenzheitsstufe hat zu dem ihm übergeordneten Ganzen der nächsthöheren Grenzheitsstufe überhaupt kein Verhältnis der Großheit oder endlichen Vielheit. Man kann also nicht sagen: Die Linie o oder i sind größer als a1, oder b1. Wir haben zu beachten: Es gibt die Zahl, „Or-Größe“ Linie o, dann die beiden In-Größen (In-Zahlen) i und e, und schließlich die unendlich endlichen Größen wie a1, b5, c7 usw. (Zur Überwindung der Antinomien der Mengenlehre siehe http://or-om.org/MI).
Wo gibt es in diesem System der geraden Linie ein WERDEN? Oder fehlt dieses in der Axiologie der geraden Linie:
(LO 5) Das Werden
i und e in o, durch o, nach ihrer ganzen Wesenheit vereint sind, so sind sie es auch, sofern sie die beiden entgegenstehenden Reihen vollendet endlicher Linien in sich sind und enthalten; so dass diese beiden Reihen vereint sind. Es sind dies die unendlich vielen Linien, die sowohl auf i als auch auf e liegen. Darin gibt es wieder einen Typ unendlich vieler Linien, deren Abstand auf i und e gleich lang ist und die wir als die Gruppe d1, d2, d3, usw. bezeichnen wollen.