
Deduktive Kunst
Zum Generalbass der Malerei
Ernst Riemschneider
Dass die elektronischen Medien die in der Schriftkultur entwickelten Gesellschaften, die sich vor allem seit der Erfindung der Buchdruckerkunst bildeten, völlig verändern werden, ist durch die wichtigen Untersuchungen Marschall Mc LUHANs [1] gesichert. Auch in der Kunst haben die neuen Medien zu wirken begonnen. Wenn auch der internationale Kunstmarkt Produkte der Ölmalerei, die den traditionellen Medien zugehören, mit Preisen umwälzt, die bisher nicht erreicht wurden (z.B. van GOGH), ist dies doch kein Anzeichen für eine Zunahme an gesamtgesellschaftlicher Bedeutung.
Die Kunsttheorie für digital erzeugte und dargestellte Raum(zeit)gebilde aller Art steckt in den Kinderschuhen. Die wenigen Künstler, die bisher mit diesen Medien umgehen, sind häufig unbelastet von der gesamten bisherigen Kunsttradition, viele ihrer Werke muten daher, wenn man sie in den Gesamtkonnex der bisherigen Kunstäußerungen der Menschheitsgeschichte einordnet, an, als wollte uns ein Radfahrer einreden, er führe mit einem Porsche. Jede revolutionäre Neuerungsbewegung neigt auch dazu, das Bisherige vorerst krass und distanzierend abzulehnen.
Die folgenden Zeilen sind eine Anregung, ein Entwurf von Grundlagen einer Kunsttheorie für digital erzeugte und reproduzierte Raum(zeit)gebilde. Sie basiert auf einer Kunsttheorie, die alle bisherigen in sich enthält, die aber über diese auch weit, ja auch über alle möglichen Kunstäußerungen der digitalen Kunst, hinausreicht. Wenn wir hier Anregungen für die Kunsttheorie der Digitalkunst geben, so geschieht dies gleichsam "zurück aus der Zukunft". [2]
Eine ausreichend profunde Kunsttheorie für digital erzeugte und dargestellte Kunstwerke muss zumindest in großen Zügen alle bisherigen Kunstäußerungen kennen und – auch wenn sie darüber hinausgeht – berücksichtigen. Nur so entgeht sie einer derzeitig verbreiteten Naivität. Ihr ist es aber auch infolge ihrer technischen Fähigkeiten gegeben und sie ist dazu berufen, eine Integration und Verbindung aller bisherigen Kunstäußerungen herzustellen. Damit leistet sie einen wichtigen Schritt für die weitere Entwicklung der Kunst überhaupt. Einige Ansätze hiezu seien im folgenden gegeben.
Ein Pionier der elektronischen Kunst, Peter WEIBEL, sieht die Entwicklung in der bildenden Kunst durch die elektronischen Medien etwa darin, dass der Grundsatz der Zentralperspektive, die seit der Renaissance gültig war, aufgelöst wird. An die Stelle eines zentralen (feudalen) Uni-Versums, treten gleichzeitig nebeneinander bestehende aufeinander bezogene, multiple Bilder und Modelle, in einem Pluri-Versum. Nicht zentral auf einen Punkt hin ausgerichtete Teil-Räume bestehen nebeneinander, ineinander usw. "An die Stelle des Universums mit einem einzigen, gültigen Standpunkt tritt eine pluriverse Welt vieler Standpunkte." [3]
"Die neue Sprache des Raumes ist der Output einer Grammatik, die eine unendliche Zahl von Modellen erzeugt, wo die räumlichen und zeitlichen Beziehungen veränderbar sind."
Die folgenden Seiten zeigen, dass diese Raum(zeit)theorie noch unvollständig ist.
2.1. Räume
Der unendliche und unbedingte Raum o (Or-Raum) ist in allen drei Richtungen unendlich, hat also keine Grenzheit hinsichtlich der Richtheit. Der Räume i und e in Zeichnung 1, haben ebenfalls hinsichtlich keiner Richtung eine Grenze, sind also auch in alle drei Richtungen unendlich. Wenn auch die Richtung dä in zwei Hälften zerfällt, so ist doch das halbe dä in Richtung i unendlich lange, wie auch in Richtung e. Die Räume i und e haben daher die selbe Grenzheitstufe, wie der Raum o (Or-Raum).
Die nächste Grenzheitstufe des Raumes in sich ist durch zwei unendliche rote Flächen als Grenzen bestimmt, wie in Zeichnung 2 dargestellt. Der Raum zwischen den roten Fläche X1 und X2 ist daher nur mehr in 2 Richtungen unendlich, in einer Richtung aber endlich. Dieser Raum G ist hinsichtlich der Grenzheitstufe von den Räumen i und e sowie dem Or-Raum o artheitlich unterschieden. Zu beachten ist, dass ein solcher Raum sowohl in i als auch in e als auch in beiden sein kann.
Die nächste innere Art der Grenzstufheit der Räume ist dadurch gegeben, dass in einer zweiten Richtung Endlichkeit gegeben ist. In Zeichnung 3 ist eine unendlich lange, viereckige Säule gegeben, die durch die unendlichen roten Flächen X1, X2 und die unendlichen grünen Flächen Y1, Y2 begrenzt ist. Auch hinsichtlich der Richtung de ist nun Grenzheit gegeben, hinsichtlich di aber immer noch Unendlichkeit. Auch ein solcher Raum kann in i, e oder in beiden gelegen sein.
Schließlich ist noch eine dritte Art der Grenzheitstufung des Raumes zu erkennen, wenn nämlich in allen drei Richtungen Endlichkeit gegeben ist, wie in Zeichnung 4, wo durch die Begrenzung der endlichen roten Flächen X1, X2, endlichen grünen Flächen Y1, Y2 und endlichen blauen Flächen Z1, Z2 ein Würfel oder Quader entsteht. Endlicher kann ein Raum nicht mehr werden. Er ist unendlich endlich. Der Raum hat also in sich 3 Arten von In-Räumen.
2.2. Flächen
Fläche gilt als Raum ohne Tiefe. (Nicht im Sinne nicht-euklidischer Geometrien, für welche natürlich modifizierte Regelungen gelten, hinsichtlich der Frage der inneren Grenzheitstufen aber die gleichen Kategorien modifiziert Anwendung finden müssen.) Im üblichen Sinne ist daher Fläche definiert als Raum mit zwei Dimensionen. Auch hier gilt wieder, dass bei der ersten In-Gliederung der unendlichen Fläche in Zeichnung 1 durch die Linie di zwei Teile der Fläche entstehen, die jeweils den oberen Teil der Richtung de und den unteren Teil derselben befassen, dass aber in der Richtung de keine Grenzheitstufe der Fläche gegeben ist, weil de in beide Richtungen noch unendlich lange ist.
Erst wenn, wie in Zeichnung 5 durch zwei Linien m1 und m2 die Richtung de endlich wird, z.B. 3 cm lang, entsteht eine Fläche mit der ersten inneren Grenzheitstufe der Fläche, eine Fläche also, die in der Art von der unendlichen Fläche und den beiden Hälften derselben unterschieden ist. Die Fläche M ist nur mehr in einer Richtung unendlich. Die Fläche hat aber noch eine weitere innere Grenzheitstufe, die in Zeichnung 6 dargestellt ist. Wird auch die Richtung di endlich, durch die beiden Geraden n1 und n2, entsteht eine in jeder Richtung endliche Fläche. Die Fläche hat also in sich zwei Arten von In-Flächen, die nach der Stufung der Grenzheit unterschieden sind.

2.3. Linie
Hinsichtlich der Linie und ihren Grenzheitsstufen sind folgende Deduktionen zu beachten:
Betrachten wir die Linie (1), so ist sie eine unendlich lange, gerade Linie o.
Nun blicken wir auf die Linie (2), die schon in der Linie (1) ist. Sie zeigt uns, was die Linie (1) in sich ist. Die Linie (1) ist in sich zwei und nur zwei Linien, i und e, die beide noch unendlich lang, aber doch insoweit gegenheitlich sind, als die eine ist, was die andere nicht ist und umgekehrt, das heißt, sie verneinen und begrenzen einander teilweise. Jede der beiden ist zwar noch unendlich lang, aber der Punkt x ist ihre Grenze gegeneinander.

Hier in dieser ersten Ableitung der Linie (1) nach innen erkennen wir, dass es in der ersten Ableitung nach innen, wenn man von einem unendlichen Ganzen ausgeht, nur zwei Glieder gibt, die beide noch unendlich sind. Die beiden Linien haben daher die gleiche Grenzheitstufe, wie die Linie o. Wir sehen weiter, dass hier eine Neben-Gegen-Verneinung von i und e entsteht, wodurch aber die Linie (1) in keiner Weise negiert wird. Was heißt der Begriff Neben-Gegen-Verneinung? Die Linie i ist neben der Linie e, aber die eine ist, was die andere nicht ist und umgekehrt. Betrachten wir jetzt die Linie (1) mit der Linie (2) in Verbindung, so wird sichtbar, dass die Linie (1) als Ur-Linie über i und e steht und mit beiden verbunden ist. Als Ur-Linie ist die Linie (1) über beiden, die beiden sind unter ihr.
Die Linie (3) zeigt die zweite Stufe der Ableitung nach innen. Wir sehen, dass es in der Welt der Linie (1), in der zweiten Stufe nach innen, neue Arten von Linien gibt. Auf der Linie i gibt es unendlich viele Linien (a1, b1 usw.). Auf der Linie e gibt es unendlich viele Linien (a2, b2 usw.). Es gibt jedoch auch unendlich viele Linien, die sowohl auf i als auch auf e liegen (a3, b3 usw.). Diese beidseitig begrenzten Linien gehören daher einer neuen Art von Linien an, die bilden die letzte Grenzheitstufe der Linie nach innen. Begrenzter, als auf beiden Seiten begrenzt, kann eine Linie nicht sein.
2.4. Ergebnis für die Raumtheorie
Alle Arten von beidseitig in di und de begrenzten Flächen sind enthalten in/unter der unendlichen Fläche, die nach dem Prinzip von 4 Stufen der Begrenzung nach innen begrenzt ist, wie oben abgeleitet. Peter WEIBELs Theorie des Raumes bewegt sich nur im Bereich endlicher Räume und Flächen (begrenzte Plutriversen), ohne dass die genaue Ableitung der Räume, Flächen und Linien erkannt wäre. Das Pluriversum aller begrenzter Flächen ist in/unter der einen selben ganzen nach innen unendlichen Fläche enthalten oder die Ganzen Fläche ist in/unter sich Arten von Flächen gemäß den Ableitungen. Oder die eine unendliche Fläche ist in sich, in deutlichen Begrenzungsstufen die All-Heit der erwähnten Flähen. Das Endliche ist im Unendlichen enthalten, die Begrenzung des Endlichen nach innen erfolgt stufenweise.
Das oben erwähnte Raumkonzept WEIBELs geht von folgender Evolution aus: Die Auflösung des Raumbegriffes, welcher der Kunstgestaltung seit der Renaissance innewohnt, ist im elektronischen Zeitalter gleichzeitig:
Zersplitterung des einheitlichen Raumkonzeptes (Kubismus), Integration des Zeitbegriffes in den Raumbegriff (Futurismus) und in der elektronischen Kunst, Integration unterschiedlicher Raumganzer, räumlicher Einheiten in neuen Synthesen (auch mit Zeit) gemäß dem 3. Abschnitt des II. Hauptlebensalters.
WEIBEL schreibt: "Die neue Sprache des Raumes ist der Output einer Grammatik, die eine unendliche Zahl von Modellen erzeugt, wo die räumlichen und zeitlichen Beziehungen veränderbar sind.(...) Im Spiel der räumlichen Codes, der spatialen Signifikanten, wo Ein-Richtungs-Gegenstände zu Mehr-Richtungs-Gegenständen werden ( z. B. Tisch eine Lampe) erhebt und entfaltet sich das Subjekt im entgrenzten, ungemessenen Raum."
Dieses Raumkonzept, welches erkenntnistheoretisch als ein subjektivistisches Raumkonzept bezeichnet werden kann, zeigt erkenntnistheoretisch den Übergang von einem naiven Empirismus zu einem kritischen Realismus oder gar transzendentalen Idealismus: "Nicht mehr die Objekte sollten den Raum definieren, sondern der Geist, der den Raum und die räumlichen Parameter wie Entfernung und Größe nach Belieben korrigieren und variieren kann." Oder: "HEINZ VON FOERSTER behauptet, dass wir die Wirklichkeit eher konstruieren bzw. erfinden, als dass wir sie entdecken oder finden."
Auch der elektronische Raumbegriff WEIBELs bleibt aber:
a) subjektiver ,Raumbegriff;
b) das "befreite" Subjekt agiert in Partialräumen, Partial-Raum-Codes, ohne im Sinne der erkenntnistheoretischen Entwicklung den Or-Om-Code (All-Code) des Raumes und der Zeit zu erkennen.
c) Auf die geschilderte Weise sind unendlich viele Raumkonzeptionen, Gegenstandsformationen möglich, die aber alle über das Unendliche am Endlichen, am Teilhaften, Begrenzten nicht hinausgelangen zum Unendlichen, Orheitlichen, in/unter dem sie dann erst die Endlichkeit im Unendlichen und vor allem die Unendlichkeit am Endlichen erkennen können. Diese Konzepte WEIBELs bleiben daher im 3 Abschnitt des II Hauptlebensalters stecken.
Man kann bildlich sagen, dass das Raumkonzept im Universum der geraden Linie nur die Linie (L3) erkennt, dass aber die Linie (L1) und darin die Linie (L2) nicht erkannt werden und damit auch die Deduktion von (L1) bis (L3) nicht erkannt werden.
Noch ein Wort zum Begriff des Pluriversums bei WEIBEL: Nach seiner Ansicht wird von dem (feudalen) Ein-Partialraum der Renaissance übergegangen zum Pluripartialräumen, aus der Einheitlichkeit in die Vielfalt der Partialräume. Nicht erkannt werden aber die weiteren Evolutionsstufen, nämlich dass alle diese möglichen Partialwelten, Pluriversen in/unter dem unendlichen Wesen, Gott, als in ihm gegliederte Partialwelten sind. Hier fehlen vor allem die Stufungen des Unendlichen ins Endliche. Die Entwicklung wird daher fortschreiten: Von den Pluriversen, Partialversen des 3. Abschnittes des II. Hauptlebensalters, welche die elektronischen Medien bereits erzeugten, zu den Grunderkenntnissen des III. Hauptlebensalters der Allsynthese, wonach alle endlichen, begrenzten Pluriversen in/unter Or-Wesen erkannt werden sowie räumlich und zeitlich in/unter dem Or-Raum und der Or-Zeit.
Alle Arten von beidseitig in de begrenzten Linien sind enthalten in/unter der beidseitig in de unendlichen Linie (1), die nach dem Prinzip von 2 Stufen der Begrenzung nach innen begrenzt wird. Das Pluriversum aller begrenzten Linien ist in/unter Linie (1) enthalten, oder Linie (1) ist in sich Arten von Linien (i und e; a1, b1, usw.). Oder: Die Linie (19 ist in sich in deutlichen Begrenzungsstufen die All-Heit der erwähnten Linien. Das Endliche ist im Unendlichen, logisch gestuft, enthalten.
In der aktuellen Fraktalgeometrie werden endliche Linien nach weiteren mathematischen Regeln geteilt, wobei Computerprogramme in der Lage sind, solche Linien darzustellen." [4] Eine Linie kann in N identische Teile geteilt werden, von denen jeder im Verhältnis r=l/N zum Gesamten steht. Bei einem selbstähnlichen Objekt von N Teilen, die im Verhältnis r zum Ganzen skaliert wurden, ist seine fraktale oder Ähnlichkeitsdimension mit D = log(N)/log(l/r) gegeben. Z. B. N=4, r=1/3, D= log(4)/log(3) = 1,26. In diesem Fall wird ein einfaches Liniensegment gedrittelt und das mittlere Segment wird ersetzt durch zwei gleiche Segmente, die Teil eines gleichseitigen Dreiecks sind. Auf der nächsten Stufe der Konstruktion wird jedes dieser vier Segmente durch vier neue Segmente mit einer Länge von 1/3 ihrer Herkunftssegmente aus dem ursprünglichen Muster ersetzt. Dieser Vorgang, immer wieder wiederholt, ergibt die wunderschöne KOCHsche Kurve. (KOCHKURV.PCX)
Das beweist, dass die Wiederholung einer sehr einfachen Regel scheinbar komplexe Formen mit ganz außergewöhnlichen Eigenschaften ergeben kann. Die Kurve besitzt eine genaue Selbstähnlichkeit. Jeder kleine Teil ergibt durch Vergrößerung ganz exakt einen größeren Teil. Auf jeder Stufe ihrer Konstruktion nimmt die Länge der Kurve mit einem Faktor von 4/3 zu. Eine unendlich lange Linie begrenzt daher eine endlich große Fläche auf der Ebene, ohne sich selbst zu durchkreuzen. (Vgl. die Ableitungen unter 2.2 und 2.3, die in der Fraktalgeometrie bisher nicht berücksichtigt wurden. Die KOCHsche Kurve zeigt, dass eine endliche Linie im Sinne 2.3.3 weiter unendlich teilbar und bestimmbar ist.
3. Die Zeit
Die Zeit ist die Form des stetigen Übergehens eines endlichen Zustandes eines Endlichen in den nächsten. So kann beispielsweise eine Linie Ä von 3 cm dauernd kürzer, wieder länger und wieder kürzer werden, sich stetig ändern in ihrer Ausdehnung; oder eine Pflanze keimt, wächst, blüht und verwelkt. Die Form dieses Änderns ist die Zeit. Die Zeit kann verglichen werden mit der Linie Y unter 2.3. Die Zeit ist nicht endlich sondern unendlich. Sie hat keinen Anfang und kein Ende. Sie ist durch den Zeitpunkt f geteilt in die beiden unendlichen Teile J (Vergangenheit) und E (Zukunft). Die Zeit ist also erst in sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Zeit ist mit dem Raum insoweit vereint, als Endliches, Bestimmtes, Räumliches in sich die Form der Zeit hat, insofern es von einen bestimmten Zustand in einen anderen übergeht (z. B. eine Fläche A3, die sich dreht, fortbewegt, größer oder kleiner wird; eine Katze die gezeugt, geboren wird, wächst und stirbt). Der unendliche, unbedingte ganze Raum hat daher die Zeit nur in sich, er ist aber selbst nicht in der Zeit.
Die obigen Ausführungen über Raum und Zeit sind für eine allumfassende Theorie der Formen fundamental. Die Arten der Formen von Raum(zeit)gebilden gliedern sich vom Unendlichen zum Endlichen in der unter 2. geschilderten Weise. Dies ist die Ur–Grammatik der Formen. Die Kunst kann nur ganz endliche Formen in einer den körperlichen Sinnen wahrnehmbaren Form darstellen; sie kann hierbei jedoch u. U. mit endlichen Formen Unendliches auszudrücken versuchen.
Die digitale Kunst erweitert die Möglichkeiten der Darstellung von Raum(zeit)gebilden.
4.1 Ein Generator elementarer Formen
Einige Grafikprogramme besitzen eine pixelorientierte Funktion zur Erzeugung von schwarz-weißen (s/w) oder färbigen patterns (Mustern, Ornamenten). Die Erforschung der bisherigen Muster, Ornamente und patterns in der Kunstgeschichte erscheint nicht sehr systematisch und gründlich.
Wir können nur schwer die Frage klären, was sich die Künstler dachten, die vor 5.000 Jahren auf die Wand einer Kultstätte ein Muster zeichneten. Neben soziologischen, historisch-künstlerischen Untersuchungen ist auch daran zu erinnern, dass in den Symbolen der Geheimlehren (z.B. I Ging, Kabbala) elementare geometrische Formen eine Rolle spielten. Wie weit sind solche Hintergründe in der Geschichte des Ornamentes wirksam (sakral-esoterische Ornamentik)?
Im Grafikprogramm Paintbrush z.B. gibt es eine "Edit pattern"-Funktion, bei der eine Fläche in 8 x 8 Quadrate geteilt ist. Jedes der 64 Felder kann im S/W-Modus schwarz oder weiß sein. Es gibt daher 264 Möglichkeiten die Felder mit s/w zu belegen, also 264 verschiedene Ornamente. Das folgende Programm von Mag. Helmut AUERNIG ist ein Generator dieser Ornamente. Er schreibt:
Ein kurzes Programm in GWBASIC zur Erzeugung von 8 x 8-Matrizen, deren Elemente nur "0" bzw. "1" sein können, soll eine Vorstellung von der Anzahl der Möglichkeiten für die Schwarz-weiß-Muster liefern:
10 T1$=DATE$ " " TIME$
100 FOR Z1=0 TO 255
110 Z=Z1: GOSUB 2000: Z1$=BM$
200 FOR Z2=0 TO 255
210 Z=Z2: GOSUB 2000: Z2$=BM$
300 FOR Z3=0 TO 255
310 Z=Z3: GOSUB 2000: Z3$=BM$
400 FOR Z4=0 TO 255
410 Z=Z4: GOSUB 2000: Z4$=BM$
500 FOR Z5=0 TO 255
510 Z=Z5: GOSUB 2000: Z5$=BM$
600 FOR Z6=0 TO 255
610 Z=Z6: GOSUB 2000: Z6$=BM$
700 FOR Z7=0 TO 255
710 Z=Z7: GOSUB 2000: Z7$=BM$
800 FOR Z8=0 TO 255
810 Z=Z8: GOSUB 2000: Z8$=BM$
900 PRINT
910 PRINT Z1$
920 PRINT Z2$
930 PRINT Z3$
940 PRINT Z4$
950 PRINT Z5$
960 PRINT Z6$
970 PRINT Z7$
980 PRINT Z8$
1000 NEXT Z8
1100 NEXT Z7
1200 NEXT Z6
1300 NEXT Z5
1400 NEXT Z4
1500 NEXT Z3
1600 NEXT Z2
1700 NEXT Z1
1900 :
2000 IF Z >= 128 THEN BM$="1" :Z=Z–128 ELSE BM$="0"
2100 IF Z >= 64 THEN BM$=BM$ "1":Z=Z–64 ELSE BM$=BM$ "0"
2200 IF Z >= 32 THEN BM$=BM$ "1":Z=Z–32 ELSE BM$=BM$ "0"
2300 IF Z >= 16 THEN BM$=BM$ "1":Z=Z–16 ELSE BM$=BM$ "0"
2400 IF Z >= 8 THEN BM$=BM$ "1":Z=Z–8 ELSE BM$=BM$ "0"
2500 IF Z >= 4 THEN BM$=BM$ "1":Z=Z–4 ELSE BM$=BM$ "0"
2600 IF Z >= 2 THEN BM$=BM$ "1":Z=Z–2 ELSE BM$=BM$ "0"
2700 IF Z = 1 THEN BM$=BM$ "1" ELSE BM$=BM$ "0"
2800 RETURN
2900 :
3000 T2$=DATE$ " " TIME$
3100 PRINT T1$;" – ";T2$
Das obige Programm ist weder elegant noch schnell. In 8 Schleifen werden jeweils die Bitmuster einer Zeile durch Unterprogrammaufruf (Zeilen 2000 – 2800, zur Ehre von BASIC: die steinzeitliche "Parameterübergabe" wäre heute auch nicht mehr nötig) erzeugt. Zeile 10 und 3000 geben Startzeit und Endzeit an. Dazwischen liegen ca. 82 Jahre Arbeit für einen Basic-Interpreter auf einem 33 MHz AT. Streicht man die Bildschirmausgaben, so verkürzt sich die Laufzeit auf ca. 2 Jahre, ein Kompilieren des Programms bzw. Ersetzen von Berechnungen durch Assemblerroutinen (Bitmanipulationen) bringt sicherlich weitere drastische Verkürzungen. Selbst ein Verkürzungsfaktor von einer Million brächte aber noch eine Laufzeit von mehr als einer Minute."
Geht man davon aus, dass Paintbrush die Felder auch mit 16 Farben besetzen kann, ergeben sich 1664 Möglichkeiten von Farbornamenten. In der Kunstgeschichte bisher nicht erschlossene Möglichkeiten der Ornamentik werden eröffnet.
( Nehmen wir an, dass die 32 Schachfiguren 32 verschiedenen Farben entsprechen, die bei der Mustererzeugung benutzt werden. Wenn wir nunmehr nur jene Positionen berücksichtigen, die nach den Schachregeln sinnvoll sind, erhalten wir alle möglichen Positionen, die logisch im Schachspiel möglich sind).
In anderen Grafikprogrammen können 16x16 Quadrate besetzt werden. Der Reichtum an Elementarformen nimmt zu.
4.1.1 Die magischen Quadrate
Magische Quadrate sind dadurch gekennzeichnet, dass in den Unterquadraten die Zahlen ab 1 bis zur Höhe des höchstelligen Quadrates so eingetragen werden, dass die Summen in den waagrechten und senkrechten Reihen, sowie in den Diagonalen gleich sind. z.B.
4 9 2 4 14 15 1
3 5 7 9 7 6 12
8 1 6 oder 5 11 10 8
16 2 3 13
Zeichnen wir hier jeweils die ungeraden Zahlen s ein, erhalten wir ein regelmäßiges Muster. In unserem Grafikprogramm von 8x8 Pixeln können wir alle magischen Quadrate bis 8 x 8 darstellen und ihre reichhaltigen mathematischen Eigenschaften untersuchen.
Ein Beispiel für das magische Quadrat 8 x 8:
8 58 59 5 4 62 63 1
49 15 14 52 53 11 10 56
41 23 22 44 45 19 18 48
32 34 35 29 28 38 39 25
40 26 27 37 36 30 31 33
17 47 46 20 21 43 42 24
9 55 54 12 13 51 50 16
64 2 3 61 60 6 7 57
Versuche hier die ungeraden Zahlen s zu zeichnen. Du erhältst ein regelmäßiges Muster, eines in den 264, die wir oben besprochen haben. Es besteht daher auch ein mathematischer Zusammenhang zwischen Regelmäßigkeit und bestimmten Zahlenverhältnissen, zwischen Schönheit und mathematischen Maßverhältnissen. Oder: Jedes der 264 Muster hat ganz bestimmte mathematisch-ästhetische Eigenschaften.
Die beiden Muster all.1 und all.2 sind gegliedert wie der Raum, die Fläche (2.2) oder die Linie (2.3) in sich, aber eben mit ganz endlichen Flächen. (ALL12.PCX)
eq.1 und eq.2 sind an der senkrechten Mittelachse gespiegelt. (EQ12.PCX)
Invsv. 1 sind invertiert/seitenverkehrt. (INSV1.PCX) Die unterste Zeile ist die invertierte der obersten und so nach innen.
Reg.1 ist um die Mittelachse regelmäßig. (REGIRREG.PCX)
In All.3 sind die Muster harmonisch gegliedert. In All.3.1 sind die "Charaktere" der Muster sichtbar. J ist "selbstheitlich", E " ganzheitlich", A vereinigt die Gegensätze der beiden. U schließlich ist "neutral" und hat "Ähnlichkeit" mit dem Muster beim magischen Quadrat 8x8, wenn man die ungeraden oder geraden Zahlen s oder w bezeichnet. (ALLGLIED.PCX, MUSTERA.PCX)
Grafikprogramme können bekanntlich patterns, wie sie nach 4.1 erstellt werden, benutzen, um begrenzte Felder damit zu füllen, aber auch um mit diesem pattern selbst Linien zu zeichnen. In dem folgenden Bildern werden solche patterns in Paintbrush (8 x 8) in beiden Funktionen benutzt. Die Bilder gehen, so wie wir es in den Untersuchungen des Raumes zeigten, vom Unendlichen ins Endliche. Aus Platzgründen können nur wenige Bilder beigeschlossen werden. Bereits in diesem relativ beschränkten Grafikprogramm kann eine Vielzahl von Konzepten und Formen der bisherigen Kunstentwicklung integriert in einen neuen Gesamtzusammenhang gebracht werden. Mit Farbe sind die Möglichkeiten unvergleichlich größer und schließlich ist zu bedenken, dass diese Bilder digital reproduziert auf großen Monitor-Wänden ausgestellt werden sollten, um voll wirken zu können. Selbstverständlich können solche Bilder zu Videofilmen usw. über pixelweise Mutationsprogramme fortgesetzt werden, womit die Zeitdimension hinzutritt. Weitere Möglichkeiten liegen in Verfahren wie "Cyber-Space".
-> Bilderfolge